Von Ernst Hornickel

Der hessische Verkehrsminister hat einen Stein in das stille Wasser der festgefahrenen deutschen Verkehrsregelung geworfen. Im sehr stark frequentierten Rhein-Main-Gebiet hat er auf Autobahn-Teilstücken den Kraftfahrern Richtgeschwindigkeiten anempfohlen, die zwischen 80 und 130 Stundenkilometern liegen, teilweise auch auf 70 bis 110 herabgesetzt wurden. Man hat sich in Wiesbaden für diese liberalste Form der – noch nicht einmal angeordneten, sondern empfohlenen – Geschwindigkeitsbeschränkung entschieden, um Erfahrungen über das Selbstverantwortungsgefühl der Autofahrer zu sammeln.

Aber es wäre ja ein Wunder, wenn in diesem Lande irgendeine verantwortliche Stelle mit einer wirklich vernünftigen und fortschrittlichen Tat hervorträte, ohne daß sich nicht sofort aus irgendeiner Ecke das Gebell professioneller Wachhunde erhöbe. Das sollte indessen die Hessen nicht stören, die vor der Einführung der Richtgeschwindigkeit sorgfältige Studien in der benachbarten Schweiz gemacht und ihre Schritte wohl überdacht haben.

Die Eidgenossen hatten ihre ersten Richtgeschwindigkeitsschilder 70 bis 110 auf der nur mit Spur und Gegenspur versehenen Autostraße N 13 zwischen Sargans und Chur aufgestellt, nachdem sich erwiesen hatte, daß sich auf diesem Teilstück die Unfälle häuften. Die Schweizer Autofahrer, die schon durch die Topographie ihrer Verkehrswege zu besonnenem und rücksichtsvollem Verhalten am Steuer erzogen werden, standen anfangs der auf Autobahnen notwendigen, veränderten Verkehrstaktik einigermaßen ratlos gegenüber. Gestandene Männer, die sich dort grundsätzlich immer die Brissago oder das Pfeifchen anzünden, ehe sie sich ans Steuer setzen, rollten mit 60 Stundenkilometern und alemannischer Selbstzufriedenheit auf dem neuen Beton friedlich dahin, während die junge Generation endlich einmal die Gelegenheit gekommen sah, den Gashebel zu bedienen. Ein Verhalten, das auf einer Autobahnhälfte mit Gegenverkehr, auf der man in Deutschland meist rigorose und oft unangebrachte Geschwindigkeitsbeschränkungen auf sich nehmen muß, die Unfallzahlen schnell in die Höhe trieb. So kam man auf die Empfehlung einer Richtgeschwindigkeit, eine Maßnahme, die als Appell an das individuelle Verantwortungsbewußtsein demokratisch und vernünftig erschien.

Alle in diesem Falle bei uns üblichen Geschwindigkeitsbeschränkungen von 80 oder gar 60 Stundenkilometern erzeugen einen Staueffekt oder aber fortwährend Gesetzesübertretungen.

Eine Richtgeschwindigkeit zwingt auch die Naturbewunderer auf Autoschnellstraßen, die Trieler, Trödler und Schlangenbeschwörer, zu einer Mindestgeschwindigkeit und verhindert private Rennen durch Fixierung einer Höchstgeschwindigkeitsmarke. So entsteht ein Bündeleffekt, ein Verkehrsfluß mit einer begrenzten Freizügigkeit, eine Normgeschwindigkeit innerhalb eines Bereichs, der der Straßenbeschaffenheit und Streckentopographie angepaßt ist.

Die Kritik des ADAC richtet sich nun nicht auf die Richtgeschwindigkeit als solche, sondern auf die Möglichkeit der Verkehrsrechtsprechung, Fahrer, die die obere Grenze dieser – Richtgeschwindigkeit überschreiten, bei Unfällen die besondere Härte des Gesetzes spüren zu lassen, obwohl es sich bei den Richtgeschwindigkeiten nicht um Gebote, sondern um Empfehlungen handelt.