Neunmal in vier Jahren haben die USA versucht, durch eine Einstellung des Luftkrieges gegen Nordvietnam einer Lösung des Konflikts in Südostasien näherzukommen. Der zehnte Bombenstopp soll nun den „Durchbruch zum Frieden“ bringen: Präsident Johnson gab in der Nacht zum vorigen Freitag bekannt, daß

  • „die Bombardierung Nordvietnams und der Beschuß von See und Land her eingestellt werden“;
  • die „regulären Vietnamgespräche“ in Paris weitergehen – fortan unter Beteiligung der südvietnamesischen Regierung und der Nationalen Befreiungsfront (NLF);
  • „solche Gespräche nicht andauern können, wenn sie (die Gegenseite) daraus militärischen Vorteil zieht“ – etwa die Städte Südvietnams beschießt und die demilitarisierte Zone mißbraucht.

Dabei blieb vorerst offen, was zwischen Washington und Hanoi festgeschriebene Abmachung, was stillschweigende Übereinkunft ist. Am Wochenanfang stand noch nicht einmal fest, ob das mühsam eingefädelte Arrangement überhaupt verwirklicht werden kann: Während eine NLF-Delegation unter Leitung von Frau Nguyen Thi Binh (41) in Paris eintraf, weigerte sich der südvietnamesische Staatschef Thieu hartnäckig, eine Abordnung zu entsenden. Nach einem Treffen der amerikanischen und der nordvietnamesischen Delegation wurde die für Mittwoch vorgesehene, erstmals erweiterte Gesprächsrunde auf unbestimmte Zeit verschoben. Kommentar der Amerikaner: No comment.

Thieu befürchtet, daß eine Beteiligung der NLF an der Pariser Konferenz sein Regime auf eine schiefe Bahn führt, an deren Ende eine Koalitionsregierung mit den Kommunisten stehen könnte. Obwohl Johnson betonte, daß die Erweiterung der Gesprächsrunde „in keiner Weise die Anerkennung der Nationalen Befreiungsfront in irgendeiner Weise involviert“, blieb Thieu vorerst unnachgiebig.

Vor der Nationalversammlung in Saigon, die seine Rede immer wieder, mit donnerndem Applaus unterbrach, formulierte er drei Bedingungen für eine Teilnahme an den Friedensgesprächen: Hanoi müsse öffentlich zusichern,

  • daß es ernsthafte Verhandlungen aufzunehmen gedenke und
  • daß es diese als völlig neue Gesprächsphase, nicht als bloße Fortsetzung der bisherigen bilateralen Gespräche mit den USA betrachte;
  • vor allem: Hanoi dürfe die NLF nicht als „separate Delegation“ an den Konferenztisch bringen.

Daß der Argwohn Thieus nicht ganz unbegründet ist, schien der nordvietnamesische Delegationschef Xuan Thuy noch am selben Tag zu bestätigen. In Paris erklärte er, an der nächsten Gesprächsphase seien „vier Delegationen beteiligt – unabhängige Delegationen mit dem Recht zu sprechen“.