Von Uwe Reng

Es gibt eine Gruppe von seltsamen Substanzen; bei kleinsten Temperaturänderungen verändern sie ihre Farbe; man kann mit ihnen Materialprüfungen durchführen, ohne die Werkstücke zu zerstören; Chirurgen benutzen sie, um Krankheiten festzustellen und den Erfolg ihrer Operationen zu überwachen. Und neuerdings kann man mit Hilfe dieser Substanzen sogar Krebs feststellen. Die Stoffe tragen einen seltsamen Namen, der eigentlich einen Widerspruch in sich selbst darstellt: Sie heißen Flüssigkristalle oder kristallene Flüssigkeiten. Der Name kommt daher, daß sie sowohl die beweglichen Eigenschaften einer Flüssigkeit als auch die optischen Eigenarten eines Kristalls haben.

Alle bisher bekannten Stoffe dieser Art. gehören zur Klasse der organischen Verbindungen. Sie sind gar nicht so selten, wie man glauben möchte. Unter den vielen Millionen von organischen Verbindungen ist etwa jede zweihundertste ein Flüssigkeitskristall.

Flüssige Kristalle wurden erstmalig im Jahre 1888 von dem deutschen Botaniker Friedrich Reinitzer beschrieben. Er bemerkte, daß Cholesterylbenzoat zwei verschiedene Schmelzpunkte hat. Der ursprünglich feste Körper schmilzt bei 145 Grad Celsius und bildet eine wolkige Flüssigkeit. Bei 179 Grad verändert sich die Flüssigkeit, sie wird klar und durchsichtig.

Bald stellte sich heraus, daß in der wolkigen Zustandsphase Bezirke enthalten sind, die kristallähnliche Struktur und Eigenschaften haben.

Die Forschung an flüssigen Kristallen dauerte etwa bis zum Jahre 1930, dann erlosch das Interesse, weil man meinte, alle wesentlichen Fragen untersucht zu haben und auch keine Anwendungsmöglichkeiten zu finden.

In den späten fünfziger Jahren wurde dann fast gleichzeitig an verschiedenen Universitäten die Forschung wiederaufgenommen. Heute gibt es mehrere Institute, die sich ausschließlich mit Flüssigkristallen befassen.