Von Rudolf Hopmann

Sommer 1968. Göttingen. Etwa 30 Wissenschaftler sitzen in einem Seminarraum. Vor der Tafel steht Lars Onsager, groß und breit, das Gesicht wird von den lebhaften, hellblauen Augen beherrscht. Er spricht langsam, manchmal etwas unzusammenhängend, schreibt Formeln an die Tafel, die er gelegentlich korrigiert, indem er mit dem Handrücken über die Tafelfläche streicht, An einer Stelle bemerkt er trocken, hier sei er auf ein mathematisches Problem gestoßen, das selbst den Mathematikern noch nicht bekannt war – er habe es für seinen Zweck gelöst. Zum Schluß des Vortrages dankt Professor Manfred Eigen, Nobelpreisträger für Chemie 1967, seinem Freund: „Lieber Lars, ich glaube, du hältst uns alle für so klug, wie du es selbst bist, aber viel verstanden haben wir nicht.“

Diese Episode charakterisiert den Wissenschaftler Lars Onsager. Im theoretischen Verständnis chemischer Probleme ist er seinen Fachkollegen weit voraus. Er formuliert mit mathematischen Methoden Zusammenhänge, die er an vorliegenden Ergebnissen zwar orientiert, die aber den Weg erst für zukünftige Experimente und ihre Deutungen ebnen. Mit seinen abstrakten Formeln skizziert Onsager die Chemie von morgen.

Der aus Norwegen stammende Gelehrte, der in diesem Monat 65 Jahre alt wird, wanderte 1928 nach Amerika aus. Hier, als Forschungsassistent an der Brown University in Providence (Rhode Island) veröffentlichte er 1931 kurz hintereinander die beiden ersten Arbeiten über die Theorie, für deren Begründung ihm jetzt der Chemie-Nobelpreis zugesprochen wurde: die Thermodynamik irreversibler Prozesse.

In der Thermodynamik – grob gesagt, der Lehre von den Beziehungen zwischen der Wärme und anderen Energieformen – geht es um Prozesse, die sich in Systemen abspielen. Ein System, das kann zum Beispiel der Dampf in einer Turbine sein und der Prozeß eine Veränderung des Dampfdrucks oder der Dampftemperatur; ein anderes System ist ein Gemisch von Substanzen und der Prozeß eine chemische Reaktion dieser Substanzen miteinander.

Die vielfältigen Prozesse in natürlichen und künstlichen Systemen können mit den Gesetzen der Thermodynamik beschrieben werden. Sie beherrschen physikalische, chemische, biologische und kosmische Vorgänge verschiedener Art und werden in der Technik ausgenutzt, um Maschinen zu bauen – von der Dampfmaschine bis zur Rakete.

Es ist also verständlich, daß die Thermodynamik eine zentrale Rolle in den Naturwissenschaften spielt und daß man sich darum bemüht, thermodynamische Vorgänge mathematisch erfassen zu können.