Von Theo Sommer

Gibt es bald Frieden in Vietnam? Präsident Johnson hat am vergangenen Freitag die Einstellung aller Angriffe gegen Nordvietnam angeordnet – nach 43 Monaten Bombenkrieg, in dem die amerikanische Luftwaffe 94 081 Einsätze flog und über eine Million Tonnen Bomben auf Ziele, nördlich des 17. Breitengrades abwarf. Damit ist ein sperriges Hindernis auf dem Wege zu ernsthaften Gesprächen beiseite geräumt, ist eine militärische Vorbedingung Hanois erfüllt worden. Dennoch deutet nichts darauf hin, daß politische Verhandlungen rasch oder leicht zu einem Ergebnis führen werden.

Nicht einmal in Washington will Hochstimmung aufkommen – geschweige denn Siegesstimmung. Kaum jemand verschließt sich der bedrückenden Einsicht: daß Johnson lediglich eine verfehlte Strategie aufgegeben hat; daß es den Amerikanern nicht gelungen ist, das Patt auf dem Schlachtfeld aufzubrechen; schließlich, daß eine akzeptable politische Lösung auf der Grundlage des militärischen Unentschieden schwer zu finden sein mag.

In der Tat mußte der Präsident weniger Hanoi überwinden als sich selbst. "Ich habe schließlich entschieden..." sagte er in seiner Fernsehansprache. An die Einstellung des Bombenkrieges hat er keine Bedingungen knüpfen können, sondern allenfalls Erwartungen: keine Verstärkung der nordvietnamesischen Kontingente in Südvietnam, keine Terrorangriffe auf die Städte, Achtung der entmilitarisierten Zone. Aber außer der Drohung mit der Wiederaufnahme des Bombenkrieges – einer nicht sehr glaubwürdigen Drohung – verfügt er über keine Mittel, seinen Erwartungen Nachdruck zu verleihen. Und selbst wenn Hanoi ihm den Gefallen tut, das Spiel nach seinen Regeln mitzuspielen, sind damit "fruchtbare, sofortige, ernsthafte und intensive Verhandlungen in einer Atmosphäre, die zum Fortschritt beiträgt", noch nicht verbürgt.

Friedensverhandlungen sind in der Geschichte selten etwas anderes gewesen als die Fixierung der jeweiligen militärischen Lage. Nichts jedoch wird den Unterhändlern in Paris so schwerfallen wie die Festlegung einer Kompromißlinie. Diesmal gibt es keinen 17. oder 38. Breitengrad; in einem Krieg ohne Fronten ist der Gegner überall;.weite Landstriche wechseln bei Eintritt der Dunkelheit ihre Loyalität oder doch wenigstens ihre Herren. Grob gesprochen herrschen die Kommunisten auf dem flachen Land, die Amerikaner und die Regierungstruppen in den Städten. Wo sollte da ein Strich gezogen werden, an dem sich eine politische Regelung geographisch einleuchtend orientieren könnte?

Hinzu kommt, daß Ho Tschi Minh und sein Guerilla-General Giap von jeher die These "verhandeln und kämpfen" vertreten haben. Der Krieg wird also weitergehen, bis zum Endsieg, wie Ho erklärte; die Diplomatie ergänzt den Konflikt, löst ihn jedoch nicht ab. In dieser Hinsicht sind die Amerikaner gebrannte Kinder: Die Waffenstillstandsverhandlungen in Korea zogen sich zwei Jahre lang hin; in diesen beiden Jahren verloren noch 12 700 GIs ihr Leben, 49 500 wurden verwundet. Kein Wunder, daß der Präsident warnte: "Unser Volk wird vorsätzliche Verzögerungen und längeres Verschleppen nicht ein weiteres Mal hinnehmen." Die Frage ist allerdings, was Johnson und vor allen Dingen sein Nachfolger eigentlich dagegen unternehmen können. Wenn Amerika, wie es scheint, wirklich auf eine Verminderung seines Engagements in Vietnam hinsteuert, dann hat es kaum eine Alternative zum Verhandeln.

Über die mögliche Dauer der Verhandlungen sind ganz verschiedene Schätzungen im Schwange: zehn Wochen wie bei der Genfer Konferenz 1954, ein paar Monate wie bei der Genfer Laos-Konferenz 1961/62 oder zwei Jahre wie 1951/53 in Korea. Niemand jedoch glaubt, daß die Pariser Gespräche schon bald in einen stabilen Frieden für Südostasien münden werden. Es wird wohl langwierige Gespräche über die Gespräche geben, ehe es zu Gesprächen über substantielle Fragen kommen kann. Der Ablauf ist sogar ziemlich vorhersagbar: Es wird erst hart über die Sitzordnung gestritten werden, später über die Geschäftsordnung, dann über die Tagesordnung; das Thema Friedensordnung wird erst ganz am Schluß aufs Tapet kommen.