Von Aurangabad aus fuhr ich mit dem Auto nach Atjanta (250 Kilometer), um die weltberühmten Höhlenfresken und Skulpturen aus der großen Zeit des Buddhismus in Indien zu sehen. Hier wie in Ellora hat der Geist des Glaubens Berge ausgehöhlt in einer übermenschlichen Anstrengung. Hier wie überall und immer wieder in Indien begegnet der Besucher Ungeheurem und Zierlichem, Abstoßendem und Gefälligem, Groteskem und Erhabenem.

Schließlich kam ich nach Ellora. Ich kletterte wieder von Höhle zu Höhle: buddhistischen, dschainistischen, hinduistischen, und der Reiseführer fütterte mich mit Geschichten. „Hier ist unser Abu Simbel“, fiel ihm vor dem Kailas-Tempel ein, einer Felsenkathedrale, in der eine Schar von Kunstschülern sich breitmachte – bei Transistormusik.

Nachdem ich in Muße die Tempel, Zellen und Refugien betrachtet hatte, überstürzten sich die Bilder und Ereignisse: Ein Mädchen von zehn Jahren stand an meinem Auto und war schon durch den Willen ihrer Eltern verheiratet, ein buckliger Junge, der mich anlächelte, hatte seine Individualität durch die rote Lackierung der Nägel seiner großen Zehen erhöht. Als die letzten Touristen die Höhlen verließen und der Abend sich neigte, kam ein Polizeimajor im Turban mit seiner Familie angebraust und betrachtete die Skulpturen aus der Ferne.

Ich fuhr wieder hinüber zum etwas abseits liegenden Dorf Ellora, von dessen Existenz die meisten Touristen. nichts ahnen. Ich wollte das Landleben kennenlernen, denn 80 von je 100 Indern leben in den Dörfern. Ich kenne die Wahrheit des Fontane-Wortes: „Das Beste, wie überhaupt im Leben, liegt immer abseits von den großen Straßen

Die 2000 Bewohner des Dorfes leiden wie viele Inder an Unterernährung. Die landwirtschaftlichen Reformen haben hier noch nichts ausgerichtet. Eine tatkräftige Frau aus Bombay hat mit Geld- und Sachspenden einen ersten Schritt zu neuen Einkünften begonnen. Einige Männer und Frauen stellen mit einfachem Gerät Gummihandschuhe für medizinische Zwecke her. Und das Geld hat auch für ein „Haus der Ersten Hilfe in Krankheitsfällen“ gereicht. Aber die Gönnerin hat sechs Jahre gewartet, bis das Dorf sie akzeptiert hat. Wasser fehlt in dieser Gegend dringend.

Der Doktor nahm mich mit. Wieder umhüllte mich indische Gastfreundschaft wie weiche Seide. Menschliche Wärme schlägt dem Besucher entgegen und noch keine maskenhafte Glätte. In den reinlichen Hütten, in die wir eintraten, wurden wir sogleich mit Tee bewirtet, oder es wurden winzige Schalen mit Gewürzkörnern, darunter Kardamom, gereicht.

In einem Häuschen kauerten die zusammengeströmten Männer auf der Matte des Fußbodens, ich thronte auf dem einzigen Stuhl, der aus der ärztlichen Station geholt worden war. Ich knabberte Kardamom, die Münder der Männer leuchteten rot vom Betelkauen. Die Unterhaltung war lebhaft und wurde sogleich politisch wie in Griechenland. Auch die Analphabeten (67 Prozent der Bevölkerung), die keine Zeitung lesen oder überhaupt kennen, sind informiert. Die Männer spotteten über die landwirtschaftliche Planung in Delhi und waren lebhaft dafür, daß in Indien vorläufig noch die Landwirtschaft Vorrang vor der Schwerindustrie hat. Aber Indiens Industrie, wenn auch kaum sichtbar, ist nicht mehr zu unterschätzen: vom Atommeiler bis zur Fabrikation von Flugzeugen.