Von Carl Friedrich v. Weizsäcker

Günter Howe ist kein berühmter Forscher geworden; aber sein produktives Denken begann und blieb in dem Bereich, in den uns die Fragen führen, denen wir uns nach Hahns Entdeckung nicht mehr entziehen können. Hier einige Lebensdaten: Howe ist in Lübeck geboren und aufgewachsen. Er studierte Mathematik (bei Blaschke) und Physik in Hamburg und ging in den Schuldienst. 1933 fand er zur Bekennenden Kirche. Im Krieg war er Mathematik- und Navigationslehrer in der Marineschule Mürwik. Nach dem Kriege trat er in den Dienst der Evangelischen Kirche als Mitglied („Stiftsrat“) der Evangelischen Forschungsakademie Christophorus-Stift in Hemer (Westfalen), die später als Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft nach Heidelberg zog. Hier war vor allem der Kontakt zwischen Kirche und Naturwissenschaft sein Aufgabenbereich. Er wurde Honorarprofessor an der theologischen Fakultät der Universität Heidelberg.

Seine Publikationen bestehen vor allem in seinen Beiträgen zu Kommissionsarbeiten des Stifts. Neben dem Gespräch zwischen Theologie, Physik und Technik umfaßten sie in den späteren Jahren auch die ethischen, politischen und strategischen Probleme der modernen Waffentechnik. Weite Verbreitung fand der 1959 von ihm herausgegebene Band „Atomzeitalter, Krieg und Frieden“. Eine wichtige nachgelassene Studie über den Nichtverbreitungsvertrag für Kernwaffen wird in diesen Wochen erscheinen. Er war einer der Unterzeichner und der eigentliche Initiator des „Tübinger Memorandums“ von 1962.

Aber eine solche Aufzeichnung einiger Daten und Leistungen sagt fast nichts von der Natur und dem Verdienst dieses einzigartigen Mannes. Ich kann sein Wesen nur andeuten, indem ich ganz persönlich schildere, wie er auf mich gewirkt hat. Ich habe ihn in der Hälfte seines Lebens kennengelernt. Am Beginn des selben Jahres 1938, an dessen Ende Hahn die Uranspaltung entdeckte, war ich Gast einer „Freizeit“ der evangelischen Michaelsbruderschaft in Marburg. Ein theologisches Referat eines jungen Mathematikers, in vorgebeugter Haltung mit etwas schwerem niederdeutschen Tonfall vorgetragen, fiel mir auf. Die Sprache des Theologen war mir damals noch völlig fremd; die Sprache dieses Mannes rührte an mein Herz ebenso wie an meinen Verstand. Auf der Rückfahrt in der Eisenbahn fragte ich ihn, ob es wohl zu der Denkform der Komplementarität, die Niels Bohr in der modernen Physik gefunden hatte, eine Analogie in der zeitgenössischen Theologie gebe. Er meinte, in der Gotteslehre der Dogmatik Karl Barths eine Analogie zu finden. Damit war das Thema einer Lebensarbeit und einer Lebensfreundschaft bezeichnet.

Was bedeutete diese fragwürdige Analogie? Mehr als zehn Jahre später, nach dem Krieg, kam Howe zu mir nach Göttingen und schlug vor, ein alljährliches Gespräch eines Kreises von Theologen und Physikern über solche Fragen einzurichten. Ich hatte zunächst wenig Lust, nicht nur aus Übersättigung an der Gesprächsleidenschaft jener Jahre. Ich war (wie ich fürchtete, zu Recht) der Meinung, daß kaum die Physiker und schon gar nicht die Theologen verstehen würden, worum es Howe ging. Es war stets seine persönliche Not, daß seine Intuition weiter reichte als seine formale Begabung; und kraf: seiner Intuition sah er, davon war und bin ich überzeugt, entscheidende theologische Fragen, die jenseits des Zugriffs der damaligen wie deheute modernen Theologie lagen. Es ging ihm nicht um formale Analogien der weit auseinander entwickelten Wissenschaften Theologie und Physik und schon gar nicht um den altmodischen Streit von Glauben und Wissen, sondern um die Zusammengehörigkeit der Wirklichkeiten, die in unserer traditionellen Sprache Gott und Natur genannt werden.

Ich versprach mir also wenig von dem Gespräch. Aber – eines der persönlichen Eingeständnisse, die ich hier ablegen muß – kaum ein Mensch hat eine solche Kraft gehabt, mich (und auch andere Menschen) zu dem zu bewegen, was er als nötig erkannte. Widersprach ich ihm, so sagte er oft genug nur „ah ja, ah ja‘ und gab nach. Damit aber war die Verantwortung auf mich übergegangen; ich konnte nicht anders als die Frage noch einmal überdenken und erkennen, daß er in der Tiefe recht gehabt hatte.

Wenn er in aller Schlichtheit sagte, „wenn.Gott, der Herr, es will“, so war das keine „Sprache Kanaans“, sondern es war von Gott, dem Herrn, die Rede, und zwar im Munde eines Mannes, der alle Skepsis kannte und ständig durchlitt. So darf man auch ein unserem Bewußtsein fast entglittenes Wort auf ihn anwenden: Seine Überzeugungskraft beruhte auf seiner Demut. Das bedeutet nicht, daß er nicht die mittelgroße Versuchung des Ehrgeizes und die große Versuchung des Stolzes gekannt hätte und nicht durch schwere Konflikte gegangen wäre. Und doch blieb ihm diese Qualität, solange ich ihn kannte.