Bonn demonstrierte seine Präsenz in Westberlin. Seit voriger Woche versammelten sich in der ehemaligen Reichshauptstadt über zwanzig Bundestagsausschüsse, die drei Parlamentsfraktionen, sämtliche Spitzengremien der SPD und der CDU-Parteitag.

Ostberlin und die außerparlamentarische Opposition Westberlins (APO) hatten Repressalien angedroht – vor allem gegen den Parteitag der Christdemokraten. Ein DDR-„Blaubuch“ enthüllte die „friedensgefährdende und antinationale Politik“ der CDU. Gegen deren „provokatorische Anmaßung“, in Westberlin zu tagen, erhob Ostberlin „schärfsten Protest“. Die Initiatoren „dieser Unrechtshandlung“ müßten „die volle Verantwortung für alle sich daraus ergebenden Folgen tragen“. Die APO gab Kampfparolen aus, die Studentenvertretung der TU forderte die Westalliierten kurzerhand auf, den Parteitag durch eine Blockade der Zufahrtswege zu vereiteln.

Doch die Schutzmächte blieben fest: Sie ergriffen „gewisse Vorsichtsmaßnahmen“ (so Regierungssprecher Ahlers), um Störungen in den Luftkorridoren vorzubeugen. Die Bundesregierung und die Koalitionsparteien wiesen die DDR-Proteste scharf zurück: Nicht sie, sondern die Machthaber in Ostberlin versuchten am Status Westberlins zu rütteln. Bis Mitte der Woche wurden nur zwei Bundestagsabgeordnete an den Grenzkontrollstellen abgewiesen.

So konnten denn von Ostberlin und der APO im ganzen ungestört

  • der CDU-Parteitag das neue Aktionsprogramm, Mitbestimmung und Hochschulreform, NATO-Sorgen und Wahlaussichten diskutieren (Bundeskanzler Kiesinger: Die Große Koalition müsse „1973 die absolute Grenze erreicht“ haben);
  • der SPD-Vorstand, Parteirat und die Kontrollkommission den Bundesjustizminister Gustav Heinemann (69), bei nur einer Gegenstimme als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten nominieren.

Links liegen gelassen ging die APO zur Aktion gegen die Justiz über: Vor dem Westberliner Landgericht lieferten sich Polizisten und etwa tausend Demonstranten am Montag eine erbitterte Straßenschlacht. Der Versuch, in das Gebäude einzudringen und das dort stattfindende Ehrengerichtsverfahren gegen APO-Anwalt Mahler zu verhindern, scheiterte. Das Gericht entschied trotzdem APOkonform und lehnte den Antrag des Generalstaatsanwaltes ab, über Mahler wegen dessen Beteiligung an den Anti-Springer-Demonstrationen ein Berufsverbot zu verhängen.