Hamburg

Still liegt er da. Im Hamburger Hafen ist er eingedockt, und doch schlägt er große Wellen. Um den alten Minensucher der US-Marine ranken sich wilde Gerüchte, Spekulationen; ein Hauch von Sensation umgibt die „Galaxy“. Aber schließlich ist das alte Kriegsschiff kein gewöhnlicher Dampfer. Die „Galaxy“ mauserte sich zu einem Piratenschiff, exakter: zu einem Piratensender.

Zweieinhalb Jahre lag die „Galaxy“, 780 Tonnen groß, außerhalb der englischen Drei-Meilen-Zone in der Themsemündung. Als wonderful „Radio London“ sendete sie von früh bis Mitternacht ununterbrochen Beatmusik, unterbrochen nur von den Ansagen der Diskjockeys. Sie warben für Waschmittel, Hemden, Rasierwasser, Wäsche und Hundefutter. Und der Besitzer der „Galaxy“ ließ es sich teuer bezahlen. Ein Ad-hoc-Gesetz mächte dem lukrativen Treiben jedoch ein jähes Ende: Ab sofort wurden all diejenigen be straft, die einen, solchen Piratensender versorgten und durch ihn werben ließen.

Im August 1967 lief die „Galaxy“ im Hamburger Hafen ein. Im Dock wurde sie von ihrem Muschelpanzer befreit. Sollte sich kein neuer Interessent finden, wollte der holländische Kapitän Wilhelm Buninga Schiff und Sendeanlagen verkaufen. Länger als ein Jahr herrschte Funkstille auf und um den alten Minensucher. Bis vor drei Wochen die „Galaxy“ wieder einen Auftrag erhielt: Als „Radio Nordsee“ soll sie außerhalb der deutschen Hoheitsgewässer senden und werben, – weißer geht’s nicht... Noch in dieser Woche läuft die „Galaxy“ aus, um den besten Ankerplatz zwischen Deutscher Bucht und Scheveningen zu finden. Die Sendungen sollen Mitte November beginnen.

Der Kapitän des Piratensenders bleibt der Holländer Buninga, der zudem aus einem alten Seeräubergeschlecht stammt. Mannschaft und Disjockeys sind schon angeheuert. Als Chef des Unterhaltungsprogramms fungiert der Aachener Disjockey Claus Quirini, der auch die fünf weiteren Plattenplauderer aus einer Schar von sechzig Bewerbern auswählte. Sie kommen aus Eschweiler, Essen; Neuwied und Mönchengladbach und werden noch geschult, da sie alle keine Hörfunkerfahrung haben.

Hinter „Radio Nordsee“ steht die „Gloria International“, eine Werbefirma, die sich bislang mit Werbung bei Sportveranstaltungen hervorgetan und ihren Sitz in St., Gallen in der Schweiz hat. Ihr Boß ist der Schweizer Staatsbürger und Werbefachmann Norbert A. Gschwend. Offiziell heißt es, daß der Sender von der Deutschen Bucht aus in die Schweiz ausstrahlen soll und auch nur Werbespots Schweizer Firmen einblenden wird. Fachleute halten diese Behauptung für baren Unsinn, der Sender ist für eine solche Ausstrahlung bis nach Zürich viel zu schwach. Es wird vielmehr so sein, daß die Sendungen der „Galaxy“ nur in Norddeutschland und Nordwestdeutschland empfangen werden können. In Norddeutschland würde er der Hansawelle von Radio Bremen unerwünschte Konkurrenz machen, denn auch dieser Sender lebt von der Hörfunkwerbung. Gestört werden nach Auskunft der Post vermutlich zwei amerikanische Sender in Bremen und Bremerhaven sowie zwei belgische Sender.

Die Chancen für den wirtschaftlichen Erfolg des Piratensenders sind abhängig von dem Umfang der Werbesendungen. Die Werbeunternehmen werden aber so lange mit Aufträgen zögern, solange sie nicht die genaue, Reichweite des Senders kennen. Und das aber werden erst die Probesendungen ergeben. „Bisher sind weder Bedingungen noch die Reichweite bekannt“, erklärten die Manager einer großen Hamburger Agentur, „unsere Kunden halten sich da sehr zurück, und wir sehen keine Veranlassung, sie im Augenblick zu ermuntern.“ Die Tatsache, daß es sich hier um einen Piratensender handelt, stört dabei nicht, der Faktor der „Unseriosität“ ist für die Werbung ohne Bedeutung.

An Piratensendern hat bislang noch jeder verdient; immerhin spielte „Radio London“ rund drei Millionen Mark ein. Und solange die Bundesregierung nicht das Internationale Abkommen zur Verhinderung von Rundfunksendungen außerhalb der Hoheitsgebiete ratifiziert, kann „Radio Nordsee“ nichts daran hindern, Beat und Schlager zu senden und den Hausfrauen zwischen Bremen und Hamburg Suppen aus der Büchse anzupreisen. Christine Brinck