Donnerstag, 31. Oktober, ARD: „Die Weiße Rose – Abschied von einem Mythos“

Nein, ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so schlechten Film mit einem so anspruchsvollen Titel gesehen zu haben. Die Weiße Rose – Abschied von einem Mythos... das klang nach Scherbengericht und rationaler Entlarvung, und der Betrachter am Bildschirm durfte füglich erwarten, daß die Verfasser der Sendung, zwei Herren mit Namen Petry und Hess, vor seinen Augen überraschende Materialien ausbreiten würden: seien es nun neue Dokumente oder jene bekannten Zeugnisse, die, mit unbestechlich-freiem Blick durchmustert, die Fakten in anderem Licht als bisher zeigen könnten.

Kein Zweifel, ein solches Unterfangen hätte fruchtbar sein können; wieviel wäre einem Publizisten von Rudolf Rohlingers Rang bei der Analyse der Urteilsbegründung in der Strafsache gegen Schmorell, Huber und Graf aufgefallen, welche Spuren hätten sich abgezeichnet, wie viele Hinweise nach später Verifizierung verlangt! Was zum Beispiel war das politische Glaubensbekenntnis des Professors Kurt Huber? Strebte er tatsächlich nach einer „süddeutschen Demokratie“? War in seinen Gesprächen jemals vom „preußisch-bolschewistischen Flügel des Nationalsozialismus“ die Rede? Was sagen die Überlebenden? Und dann die Scholls, dann ~~~ mit seiner angeblichen Konzeption einer „föderalistisch-individualistischen Mehrparteiendemokratie“ und Sophie, die von Freisler mit dem Ehrentitel „ein gemeines Mädel“ etikettiert wurde ... welche Ziele lassen sich, mit Hilfe einer peniblen Textanalyse, aus den hektographierten Pamphleten herauspräparieren?

Und was war, weiter, mit jener berüchtigten Klasse, über die der Erste Senat das Urteil abgab: „Dem Volksgerichtshof fällt auf, daß aus einer Schulklasse drei Schüler... in dieser Sache erscheinen und noch weitere erwähnt wurden! Da muß etwas nicht stimmen, was am Geist dieser Klasse liegt und was der Senat nicht allein diesen Jungen zur Last legen kann. Man schämt sich, daß es eine solche Klasse eines deutschen humanistischen Gymnasiums gibt!“ Was war das für eine Klasse? Leben noch Lehrer, die erzählen könnten von der Weißen Rose und schwäbischer Humanität?

So viele Chancen, soviel Versagen. Statt zu recherchieren und ein Mosaik aus Steinchen, mühselig zusammengesetzten Steinchen, zu formen, ließ man es gemütlich angehen, verfaßte – bei einem so brisanten Thema – ein Potpourri-Skript, zeigte hier ein Photo und befragte dort einen Zeugen, demaskierte – wozu? – Informantentorheiten ... und was die Entmythologisierung angeht, so beschränkte sie sich darauf, daß die Befrager sich fröhlich gaben und partyhaft taten und die berühmte Demonstration der Münchener Studenten gegen des Gauleiters schweinische Rede mit einem sit-in unserer Tage verglichen. (Die Kommilitonen von damals, verehrte Herren Verfasser, saßen nicht, sondern standen ... so wie das in Galgennähe zu sein pflegt.)

Die Entmythologisierung der Weißen Rose, ein Unterfangen, das im Sinn der Ermordeten ist, bleibt weiterhin ein Desiderat. Zeugen wollen verhört („Was sagen Sie, Falk Harnack, zu Freislers widerwärtiger Ehrenerklärung?“), Materialien durchmustert sein. Verlangt wird dreierlei, woran es den Autoren der Sendung gebrach: Takt, Phantasie und Intelligenz. Momos