Die Lufthansa hat ihren Osteuropa-Reiseprospekt des Jahres 1968 mit einem schönen Bild verziert: Es zeigt die Alexander-Newski|-Kirche. Dieser Prospekt wird unter dem Motto Fact Finder for Eastern Europe im New Yorker Büro der Lufthansa den flugwilligen Kunden offeriert.

Der Anspruch des „Fact Finding“ wird durch die polnische Wirklichkeit freilich einer herben Korrektur unterzogen. Denn die Fluggäste der Lufthansa, die tatsächlich nach Polen gelangen, suchen vergeblich nach jenem Bauwerk, das ihnen der Prospekt verheißt. Das angebliche Wahrzeichen der polnischen Hauptstadt existiert schon seit langem nicht mehr: Die Alexander-Newskij-Kirche wurde nach dem Ersten Weltkrieg abgerissen.

Zur aparten Denkmalspflege, der sich die Lufthansa befleißigt, sind freilich noch einige historische Anmerkungen vonnöten. Jener Großfürst Alexander Newskij besiegte im Jahre 1240 die Schweden an der Newa, und er war es, der die Katholisierung Rußlands verhinderte; So kam es nicht von ungefähr, daß im 19. Jahrhundert der Zar Alexander III., der in den Randgebieten seines Reiches eilig, vehemente – Russifizierungspolitik betrieb, im Herzen von Warschau eine russisch-orthodoxe Kirche zu Ehren von Alexander Newskij errichten ließ.

Als darin nach dem mißglückten. polnischen Aufstand der Jahre 1863–64 russische Kolonialbeamte das Land härter denn je unterdrückten und sogar die Nationalsprache aus dem Schulunterricht verbannten, galt die Alexander-Newskij-Kirche der Warschauer Bevölkerung als ein verhaßtes Symbol der Russifizierung.

Sicher wäre es von einer Luftlinie zuviel verlangt, daß sie sich für ihr Werbebüro einen Haushistoriker hielte, aber der gelegentliche Blick in ein Geschichtsbuch wäre doch wohl ganz nützlich. Tadeusz Nowakowski