DIE ZEIT

Neunter November

Fünfzig Jahre Konterrevolution – unter diesem Motto wollten symbolsüchtige Mitglieder der Berliner außerparlamentarischen Opposition des Tages gedenken, an dem in Deutschland der Kaiser vom Thron gestürzt wurde.

Sisyphus im Weißen Haus

Kopf-an-Kopf-Rennen der Präsidentschaftskandidaten sind in der amerikanischen Nachkriegsgeschichte nichts Ungewöhnliches mehr.

Tod in Athen

Georgios Papandreou ist zeit seines Lebens ein politischer Kämpfer gewesen, ein großer Akteur auch, und immer ein Mann der Massen.

Durchbruch – aber wohin?

Während der letzten drei Jahre hieß es immer wieder: „Ja, wenn der Vietnam-Krieg nicht wäre, dann würden Ost und West bestimmt zu einem Arrangement kommen.

Der unbequeme Kandidat

Auch heute noch wirkt Gustav Heinemann manchmal wie ein Außenseiter, obwohl ihn die gute politische Gesellschaft, die ihn zuweilen wie einen Aussätzigen behandelte, wieder akzeptiert hat, obwohl er im Ministeramt und in SPD-Vorstandswürden steht und jetzt sogar von seiner Partei als Kandidat für das höchste Staatsamt nominiert worden ist.

ZEITSPIEGEL

In der Spiegel-Kolummne „Unheilbar gesund“ hatte Rudolf Augstein 1964 seinen speziellen Gegner Franz Josef Strauß mit dem „Ruch der Korruption“ behaftet.

Pflastersteine statt Argumente

Die drei Rechtsanwälte des Ehrengerichts hatten noch nicht Platz genommen, da begann am Montagmorgen vor dem Westberliner Landgericht die turbulenteste Straßenschlacht der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Das Gewerbe der Rebellen

Die Protestsaison 1968/69 hat begonnen. An den Hochschulen und in den großen Städten wird nun wieder diskutiert werden, ob diese oder jene Konfrontation einen Sinn hatte oder ob diese oder jene Protestaktion schlechten Stil bewies.

Bonner Würfelspiel

Bundespräsident“ ist ein Bonner Gesellschaftsspiel. Es wird nach strikten, aber überaus komplizierten Regeln gespielt. Der Trick dieses Würfelspieles, dessen Sieger „Bundespräsident“ heißt, liegt im Prinzip der negativen Auslese.

Seebohms Erben

Den Sudetendeutschen geht der Ruf voraus, im Rund der Landsmannschaften die halsstarrigsten und lautesten zu sein. Seebohm sorgte einst dafür; heute ist es Walter Becher, CSU-Abgeordneter und Sprecher der Sudetendeutschen.

Den Kanzler ausgezischt

Aus der Umgebung Kurt Georg Kiesingers war eben verlautet, zwei Ärzte seien an das Krankenbett des Kanzlers gerufen worden, da schickte sich ein junger, forscher’ Delegierter an, öffentlich, vor dem Plenum des CDU-Parteitags in Berlin, die Führungsqualitäten des Bundeska zlers anzuzweifeln.

Die gescheiterte Lösung: Genf 1954: Warnzeichen der Vergangenheit

Die hohe Kunst des Friedens ist in der Mitte dieses Jahrhunderts abhanden gekommen. Heutzutage ist die Menschheit froh, wenn, ohne Friedensvertrag, ein Modus vivendi gefunden wird wie in Deutschland, oder Waffenstillstandsverträge den Status quo besiegeln wie 1953 in Korea, 1954 in Indochina und 1962 in Laos.

Nach dem Bombenstopp:: Fragezeichen über Vietnam

Gibt es bald Frieden in Vietnam? Präsident Johnson hat am vergangenen Freitag die Einstellung aller Angriffe gegen Nordvietnam angeordnet – nach 43 Monaten Bombenkrieg, in dem die amerikanische Luftwaffe 94 081 Einsätze flog und über eine Million Tonnen Bomben auf Ziele, nördlich des 17.

Nadelstiche in Nahost

Macht Liebe, nicht Krieg!“ Das empfahl der UN-Beamte Ross den Arabern und den Israelis in einer Feierstunde zum 23. Jahrestag der Vereinten Nationen im Jerusalemer Rathaus.

Schüsse in Amman

Am Montag peitschten, Schüsse durch die jordanische Hauptstadt Amman. Regierungstruppen wurden von Einheiten der Guerilla-Organisation „al-Nasr“ (der Sieg) unter Feuer genommen – einer etwa hundert Mann starken Gruppe, deren Führer enge Beziehungen zum linksradikalen Baath-Regime in Syrien unterhält.

UdSSR: Einiges Schweigen

Unter strengster Geheimhaltung tagte am vorigen Wochenende das Zentralkomitee der KPdSU – zum erstenmal seit dem Überfall auf die ČSSR.

Griechenland: Unsterblicher Toter

Zu einer Demonstration für Freiheit und Demokratie wurden am vorigen Wochenende die Beisetzungsfeierlichkeiten für den ehemaligen griechischen Ministerpräsidenten Georgios Papandreou.

Namen der Woche

George Thomson (47), britischer Staatsminister im Foreign Office, reiste nach Salisbury, um über die Einwände der rhodesischen Regierung gegen die britischen Vorschläge zu beraten, die Premierminister Wilson dem Ministerpräsidenten Smith auf der „Fearless“ zur Beilegung des Konflikts überreicht hatte.

EWG: Lücke für London

Nach Wochen der Stagnation gab es in Brüssel wieder Hoffnung auf eine Belebung der Europäischen Gemeinschaften: Die sechs Mitgliedsstaaten vereinbarten am Dienstag, alle bisherigen Vorschläge für ein Handelsarrangement und eine engere technologische Zusammenarbeit zwischen der EWG, Großbritannien und den anderen beitrittswilligen Ländern an den Ständigen Botschafterausschuß und die Europäische Kommission zu überweisen.

Nixon knapp vorn

Die Wahl des amerikanischen Präsidenten endete Mitte der Woche in einem dramatischen Kopf-an-Kopf-Rennen. Der Kandidat der Republikanischen Partei, Richard Nixon, führte nach der Auszählung in 71 von 162 805 Wahlbezirken mit 43 Prozent der abgegebenen Stimmen denkbar knapp vor dem Kandidaten der Demokratischen Partei, Vizepräsident Hubert Humphrey (42 Prozent).

Von ZEIT zu ZEIT

Fünf Tage vor der Präsidentschaftswahl verfügte Lyndon B. Johnson eine Einstellung der amerikanischen Luft- und Artillerieangriffe auf nordvietnamesisches Gebiet.

Erst bomben, dann reden

In den drei Jahren und neun Monaten, die der amerikanische Luftkrieg gegen Nordvietnam dauerte, warfen US-Maschinen in 94 081 Einsätzen rund eine Millionen Tonnen Bomben ab.

Parieren, nicht politisieren

Lenka hüpft keß von einem Bett ins andere. Stetigkeit in der Liebe findet sie altmodisch und langweilig, und als sie der junge Journalist Koroljow, auf dessen Bett Redaktionspraktikantin Lenka sich vergebens die Bluse zuknöpft, fragt, was für ein Mensch sie sei, antwortet sie.

Gedenken an Günter Howe

Günter Howe ist kein berühmter Forscher geworden; aber sein produktives Denken begann und blieb in dem Bereich, in den uns die Fragen führen, denen wir uns nach Hahns Entdeckung nicht mehr entziehen können.

Historische Panne

Die Lufthansa hat ihren Osteuropa-Reiseprospekt des Jahres 1968 mit einem schönen Bild verziert: Es zeigt die Alexander-Newski|-Kirche.

Kurze Gnadenfrist für die Sechs

Die Brüsseler Außenministerkonferenz der sechs EWG-Staaten hat in dieser Woche zum. erstenmal seit langem wieder den Willen erkennen lassen, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft nicht noch näher an den Rand einer Existenzkrise treiben zu lassen.

Der General blickt nach Amerika

In dieser Woche nehmen französische Seestreitkräfte im Mittelmeer an Manövern des westlichen Bündnisses im Südabschnitt der NATO teil.

Reformzirkusvorbereitungspolitik

Aus dem Inhalt: Leni P. will nicht länger nur Artistin sein. Sie stellt sich vor, daß es einen besseren Zirkus geben müßte. Sie stellt sich einen Zirkus vor, der die Tiere authentisch zeigt, nicht dressiert, nicht als verkleidete Menschen.

Wovon sollen wir reden?

Dank großzügiger Hilfe des Institutsleiters H. A. Pestalozzi fand am vergangenen Wochenende eine von Peter Bichsel und Günter Grass angeregte Tagung tschechischer, slowakischer, deutscher und schweizerischer Schriftsteller und Kritiker statt – knapp eine Woche vor einem längst geplanten Schulungskursus für Simulation.

Später Frühling in Zürich

Keine Verfassung, schrieb Fred Luchsinger unlängst in den „Schweizer Monatsheften“, macht es dem Volke so leicht wie die schweizerische, seine Regierung oder eine Majorität des Parlaments zu desavouieren, ganz einfach durch das Mittel des Referendums, das jede aktive Studentengruppe ohne große Schwierigkeit erzwingen kann.

Der Frankfurter Brandstifter-Prozeß

In der Nacht vom 2. auf den 3. April 1968 brachen um Mitternacht in zwei Frankfurter Kaufhäusern drei Brände aus. Obwohl die Brände schnell entdeckt wurden und gelöscht werden, konnten, ehe sie sich ausbreiteten oder gar auf die Gebäude übergriffen, entstand ein erheblicher Sachschaden, wenn auch bei weitem kein so erheblicher, wie die Lokalzeitungen am nächsten Morgen meinten, ein eigentlich gar nicht so erheblicher Sachschaden, sondern ein von Versicherungen gedeckter Schadensfall.

Henker, Opfer und Autoren

Nein, ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so schlechten Film mit einem so anspruchsvollen Titel gesehen zu haben. Die Weiße Rose – Abschied von einem Mythos.

Fernsehen: Die Heidi und der Peter

Der erste Spielfilm des Dokumentarfilmerpaars Strobel/Tichawsky war ursprünglich fürs Kino bestimmt; dann meldete der Produzent Wünsche an, die die Autoren nicht zu erfüllen bereit waren, und als Finanzier sprang der Westdeutsche Rundfunk ein.

ZEITMOSAIK

Mit großer Mehrheit nahmen die römischkatholischen Priester Hollands, die in Noordwijkerhout mit ihren Bischöfen tagten, eine Entschließung an, in der sie, „besorgt über die Zukunft der Kirche“, den Wunsch ausdrücken, es möchten „Wege gefunden werden, auch Verheiratete zum Priesteramt zuzulassen“.

Der Hilfsassistent und das Grundgesetz

Im Rektorat der Freien Universität Berlin wurden nächtens Fensterscheiben eingeworfen; an der Wand stand am nächsten Morgen in blauer Farbe „SS-Reform von oben“; Studenten versammelten sich und protestierten; die Assistenten der beiden soziologischen Institute und des Otto-Suhr-Instituts traten in den unbefristeten Streik und halten keine Lehrveranstaltungen mehr ab.

Die ungenierten Usbeken

Am 26. April 1966 gab es in Taschkent, das fast fünfhundert Meter hoch liegt, ein Erdbeben: das vermutlich stärkste seit der Antike.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Hector Berlioz: „Requiem“; Peter Schreier, Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, Leitung: Charles Munch; Deutsche Grammophon Gesellschaft 104 969/70, Subskriptionspreis bis 31.

Hochgejubelte Studenten?

Mir scheint, daß die beiden ersten Ausgestaltungen dieser Freiheit im Rundfunkwesen der BRD kaum ernstlich gefährdet oder beeinträchtigt sind.

Zimmermanns Soldaten in Kassel

Das wichtigste Stück: zeitgenössischen Musiktheaters wartet noch immer auf eine adäquate Realisierung

Brechts Rückkehr 1948

Benno Frank, ehemaliger Leiter der Theater- und Musikabteilung der amerikanischen Militärregierung in Deutschland und amerikanischer Vertreter für Kulturangelegenheiten im Alliierten Kontrollrat, hat sich in den ersten drei Nachkriegsjahren als Reorganisator des deutschen TheatersVerdienste erworben.

Dies Marrakesch ist überall

Die Nebenarbeiten mancher Schriftsteller sind nicht nur sympathischer und liebenswürdiger, sondern in einem gewissen Sinne sogar reifer und weiser als diejenigen Werke, die ihre ganze Person in Anspruch genommen haben und ihren Ehrgeiz voll erkennen lassen.

Unser Seller-Teller Oktober 1968

Ein klarer Fall in diesem Jahr. – wieder hat sich ein einzelner Roman in wenigen Wochen mit großem Abstand an die Spitze gesetzt, Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“; der Verlag hat bereits das fünfundsiebzigste Tausend gedruckt.

Kunst im Strudelhof

Die Strudelhofstiege gilt dank Heimito von Doderer als ein literarisch bedeutsames Terrain. Aber auch für die Bildende Kunst ist der Strudelhof von Interesse.

Einst, im Juni 1967

Ein großer tschechischer Intellektueller schreibt aus dem Gefängnis am 18. Juni des Jahres 1415: Ein Theologe sagte mir, daß für mich alles gut und erlaubt sei, wenn ich mich nur dem Konzil unterwerfe, und fügte hinzu: wenn das Konzil verkündete, du habest nur ein einziges Auge, auch wenn du zwei hast, wäre es deine Pflicht, mit dem Konzil zu bekennen, daß dem so sei.

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