Von Lorenz Stucki

Vor dem Ersten Weltkrieg waren vier Fünftel der Hotelgäste in der Schweiz Ausländer, in den Erstklaß-Touristenhotels dürften sie 95 Prozent ausgemacht haben. Um dem ausländischen Gast die Wünsche von den Augen abzulesen und die Atmosphäre zu bieten, in der er sich wohl fühlt, muß man diesen ausländischen Gast kennen, die bäuerische Derbheit und die Sitten von Unterentwickelten ablegen, wie Baedeker sie vom noch anfängerhaften Berner Oberland schilderte. Und da liegt wohl ein weiterer Grund für den schweizerischen Hotelier-Erfolg: die Schweizer reisen und lernen Fremdsprachen. Sie fuhren als Söldner, als Kaufleute und Abenteurer in alle Welt, und nun auch als Hoteliers. Man trifft sie als Hoteldirektoren, Oberkellner, Concierges heute in jedem Kontinent, von Südamerika bis Ostasien, in den Erstklaßhotels, und wenn der Sohn einer Hotelierdynastie ausgesandt wird, sich wie weiland die Handwerkersöhne im Ausland die Sporen abzuverdienen und fremde Sprachen zu lernen, dann findet er vom „Peninsula“ in Hongkong bis zum „Excelsior“ in Rom und dem „Crillon“ in Lima Schweizer Hoteldirektoren, die ihn im heimatlichen Dialekt in die Geheimnisse der fremden Kundschaft einführen können.

Oberst Maximilian-Alphons Pfyffer-von Altishofen gehörte einem alten Luzerner Patriziergeschlecht an, das seit Generationen die Kommandanten der päpstlichen Schweizergarde in Rom gestellt hatte. Er selbst war Offizier der Schweizer Regimenter des Königs von Neapel, kämpfte gegen Garibaldi und kehrte nach Luzern zurück, als es mit dem Königreich Neapel zu Ende ging. Nun baute er mit den Brüdern Segesser von Brunegg das „Grand Hotel National“ in Luzern, um sein beträchtliches Kapital sinnvoll zu investieren, denn die Fremden strömten in immer größeren Scharen nach Luzern und seiner Umgebung. Die drei hatten vom Hotelfach keine Ahnung, und so wurde das 1872 eröffnete Hotel zunächst zum großen Mißerfolg. Die Brüder Segesser zogen sich zurück, Pfyffer harrte aus. Bei einem Besuch im „Rigi-Kulm“ lernte er den dortigen jungen Oberkellner kennen, einen gewissen Cäsar Ritz aus dem Oberwallis, dessen Namen er sich notierte. Diesen Ritz engagierte er kurz entschlossen als Direktor seines neuen, darniederliegenden Hotels.

Die Kombination von reichem Aristokraten und genialem Hotelkünstler machte aus dem „National“ in kurzer Zeit eines der berühmtesten Hotels Europas.

Pfyffer wurde selbst nie ein Hotelier, sondern blieb auch als Besitzer des „National“ Offizier und stieg bis zum Posten des schweizerischen Generalstabschefs auf; doch er begründete eine Art Hotelierdynastie mit seinen beiden Söhnen, die mitRitz verbunden blieben: Hans Pfyffer (1866–1953) übernahm, schon vor dem Tode des Vaters (1890), die Leitung des „National“; er wurde später Präsident des Ritz-Hotels in Paris, Präsident der „Groupe des Hotels Ritz-Carlton“. Der jüngere Alphons Pfyffer ging mit Ritz nach Rom, wo dieser 1893 das „Grand-Hotel“ eröffnete, und wurde später Direktor dieser Ritz-Schöpfung und des „Excelsior“ in Rom.

Typisch ist die Karriere von Alexandre Emery aus Yverdon am Neuenburger See. Der Vater besaß und leitete dort das kleine „Hotel d’Angleterre“; der innenarchitektonisch interessierte und begabte Sohn stieg zum Geschäftsleiter dreier großer Pariser Hotels auf, des „Edouard VII“, des „Grand-Hotel“ und des „Meurice“, gründete 1906 das „Montreux-Palace“ und das Hotel Caux.

Auf den Spuren der „Scheich Ibrahim“ alias Burckhardt und Munzinger Pascha reiste 1889 der einundzwanzigjährige Charles Bähler aus Thun, der Pforte zum Berner Oberland, nach Ägypten. Er war Lehrling in einem kleinen Hotel von Verwandten und in der Basler Handelsbank gewesen und fand nun in Kairo eine Anstellung als Buchhalter im berühmten „Shepheard’s Hotel“. In den folgenden Jahren gewann er das, was man sonst nur vom Hörensagen kennt oder als etwas abgegriffenes Symbol benützt, und zwar gleich zweimal: das Große Los. In zwei Portionen wechselte eine halbe Million Goldfranken von der Lotteriegesellschaft „Irish Sweepsteak“ in den Besitz von Charles Bähler. 1915 war er Direktor des „Shepheard’s“. Als die Aktien der „Egyptian Hotel Company“ wegen des Krieges sehr tief standen, kaufte er die Mehrheit davon. Bald herrschte er über vier Fünftel der führenden Hotels von Ägypten, in Kairo, Alexandrien, Luxor, Assuan, und schließlich baute er mit dem Luzerner Architekten Vog in Jerusalem das „König David“. 1932 verkaufte er sein ganzes Reich an eine belgische Finanzgruppe, die etwas mehr bot als eine ebenfalls interessierte schweizerische.