Unter Bählers Zepter machten zwei andere Schweizer ihre Karriere: Joseph Seiler II., ein Sohn von Alexander Seiler dem Jüngeren, der schon eine gründliche Hotelierausbildung bei Ritz in London, in New York, im „Grand Hotel“ St. Moritz und im „Baur-au-Lac“ in Zürich hinter sich hatte, als Bähler ihn nach Ägypten holte und zum Direktor des „Grand Hotels“ in Assuan und später (1930) des „König David“ in Jerusalem machte. 1942 übernahm Joseph Seiler die Leitung der Seiler-Hotels in Zermatt. Ebenfalls anfänglich unter Bählers Oberherrschaft wurde Charles Muller aus Aigle im Kanton Waadt Direktor des Hotels in Luxor und bald Generaldirektor der ganzen Hotelgruppe, was er bis nach dem Zweiten Weltkrieg auch unter den belgischen Besitzern blieb.

Umgekehrt verlief der Weg des Glarners Bernhard Simon aus Niederurnen. Um Französisch zu lernen, wurde er von den Eltern nach Lausanne zu seinem begüterten Onkel Fridolin geschickt. Der Kanton Waadt hatte rege Beziehungen zum russischen Zarenhof, und zu dieser Zeit, in den dreißiger Jahren, weilte dort wieder ein Waadtländer, Alexandre de Ribaupierre, in hoher Stellung als politischer Ratgeber und Diplomat. Wie die Fäden genau liefen, ist nicht mehr auszumachen, aber jedenfalls entschloß sich der dreiundzwanzigjährige Glarner, nach St. Petersburg zu fahren, und nach einem kurzen Umweg über Paris kam er 1840 dort an, um sich als Architekt zu betätigen. Zweifellos dank der Hilfe von Herrn de Ribaupierre fand er in kürzester Zeit Zugang zur Hocharistokratie. Prinzessin Radziwill, eine Vorfahrin der Kennedy-Schwägerin, fand Gefallen an ihm und steckte mit ihrem Entzücken über den schüchternen und doch gewandten Jüngling aus den Schweizer Bergen ihren Onkel, Graf Tatistschew, an, die ihn protegierte. Es wurde geradezu Mode, sich ein Palais bauen zu lassen von Bernhard Simon aus Glarus, dem am meisten industrialisierten Stückchen Kontinentaleuropa, wo Anfang des Jahrhunderts das Heer General Suworows im Feldzug gegen die Franzosen durchgezogen war und womöglich noch einige Nachkommen seiner Soldaten lebten. Simon ließ zwei Brüder nach St. Petersburg kommen und stellte sie in seiner Palais-Fabrik an. In einem Jahr soll er eine Million Franken verdient haben: o segensreiche Gabe der strammen Republikaner, dem Feudalismus aller Länder das überschüssige Geld aus den Taschen zu ziehen! 1845 wurde Simon vom lutherischen Pfarrer Johannes von Muralt aus Bern in St. Petersburg mit Fräulein Schugart getraut. Zehn Jahre später, nachdem er inzwischen seinen Onkel in Lausanne beerbt hatte, kehrte er in die Schweiz zurück, betätigte sich im Kanton St. Gallen beim Eisenbahnbau, half als Architekt beim Wiederaufbau des 1861 abgebrannten Glarus und eröffnete schließlich 1869 das Hotel „Quellenhof“ in Bad Ragaz. Womit er gerade in der Epoche der unaufhaltsam steigenden Konjunktur in der Hotellerie landete.

Der Gemeindepräsident von Ragaz hieß Sebastian Bon und hatte einen Sohn namens Anton, für den sich der Heimkehrer aus Rußland interessierte.

Gemeindepräsident Bon, früherer Besitzer des Quellenhof-Grundstücks, starb wenige Jahre nach dem Zuzug des schweizerischen Architekten-Hoteliers aus St. Petersburg, gerade als der Sohn Anton das Gymnasium St. Gallen beendet hatte. Bernhard Simon nahm sich des Jungen an. Von 1873 bis 1879 ließ er ihn auf seine Kosten im eigenen Hotel und in Italien, Frankreich und England als Hoteliers ausbilden. Dann heiratete Anton Bon Marie Nigg, die Schwägerin von Josef Giger, der später das „Waldhaus“ in Sils-Maria im Engadin erbaute, und machte sich selbständig: er pachtete und leitete das Hotel „Bodenhaus & Post“ im Hinterrheindorf Splügen, wo die beiden Alpenpässe San Bernadino und Splügen zusammenstoßen. Das war 1879.

1882 wurde die Gotthardbahn in Betrieb genommen. Der Waren- und Postkutschenverkehr über den San Bernardino und den Splügenpaß sank rapid, Herr und Frau Bon zogen von dannen. Sie mieteten erst und kauften dann das Hotel „Rigi-First“ und 1892 unten am See in Vitznau die „Pension Pfyffer“. Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts, als sich Anton Bon dem 50. Geburtstag näherte, stellte er die Weiche, die ihn und seine Familie von der Masse der tausend kleinen Hotel- und Pensionsbesitzer weg in die Höhe der hotelhistorischen Elite führte.

Er reiste mit dem Architekten Koller in Deutschland und England herum, studierte den Geschmack der damaligen Ruhr-„Barone“ und englischen Lords und Herzöge und verwandelte danach 1902/03 die bescheidene „Pension Pfyffer“ in das große „Parkhotel“ Vitznau. Nach unserem heutigen Empfinden war der Geschmack, den er sich da abguckte und unter dem alle die um die Jahrhundertwende groß gewordenen schweizerischen Fremdenkurorte heute noch laden, scheußlich und verlogen und pompös wie der Geist dieser Periode überhaupt. Aber Bon bewies seine Begabung als Hotelunternehmer, indem er ganz bewußt für eine bestimmte Kundschaft baute, mit deren Bedürfnissen er sein Geschäft machen wollte. Und er machte es.

In dieser Zeit, als in Rußland der erste Revolutionsversuch scheiterte und in den westeuropäischen Großstädten mit ihren Industriearbeiter-Elendsvierteln der revolutionäre Sozialismus sich ausbreitete, kam der südafrikanische Diamantenkönig Charles Sidney Goldmann nach St. Moritz, einer von denen, die nicht wußten, wohin mit ihrem Geld, weil ihr investiertes Vermögen sie jedes Jahr um Millionen reicher machte, ohne daß sie einen Finger rührten. Goldmann kaufte in der Nähe von St. Moritz einem Engländer die private „Villa Suvretta“ ab und erwarb von den Bauern-Brüdern Müller in Campfer auch gleich das ganze Land bis hinunter zur Straße. Goldmann, Mitglied der „Ritz Hotel Development Company“, kannte das „Parkhotel“ in Vitznau – die Welt der internationalen Superkapitalisten-Klasse war klein, und die Hoteliers, die diesem exklusiven Orden die Hände unter die Füße legten, gehörten dazu wie der Butler zu Seiner Lordschaft. Goldmann wollte Anton Bon dafür gewinnen, auf seinem Grundstück und mit seinem Kapital in St. Moritz ein großes Hotel zu bauen und zu leiten. Nachdem sich Verhandlungen zwischen Bon und den Badrutt-Erben über den Kauf des „Kulm-Hotels“ St. Moritz zerschlagen hatten und Bons Ehrgeiz, es den Badrutt zu zeigen, angestachelt war, gelang es. 1912 wurde das „Souvretta-House“ St. Moritz eröffnet, vom gleichen Architekten nach dem gleichen Geschmack erbaut wie das „Parkhotel“ Vitznau. 350 Betten, 200 Angestellte, alles teuer und luxuriös und im Sinne des Wilhelminischen Zeitalters „gemütlich“, vornehm, gediegen.