Von Marion Schreiber

Berlin

Der junge Architekt versprühte überschwenglichen Optimismus, als er seinen westdeutschen Kollegen das Modell der Nordberliner Satellitenstadt erläuterte, das „Märkische Viertel“. Er sprach von dem ungeahnten Wohnkomfort, von Parkplätzen, die später einmal mit grünem Gras bewachsen sein werden, er erzählte von der „Milchmann-und-Eckkneipen-Sehnsucht“ jener Mieter, die aus den Sanierungsgebieten Wedding und Kreuzberg in das neue Viertel umgesiedelt seien – eine Sehnsucht, die sich mit der Zeit schon legen werde, wie der junge Mann behauptete.

Daß ein solcher Optimismus unberechtigt ist, haben bereits während der Berliner Bauwochen junge Kritiker vom Fach in der Ausstellung „Diagnose“ nachgewiesen. Selbst in dem für die neue Stadt zuständigen Bezirksamt Reinickendorf ist man dem Demonstrationsobjekt Berliner Baukunst gegenüber skeptisch eingestellt.

Bis 1972 sollen im Märkischen Viertel 65 000 Menschen wohnen. Heute schon leben rund 17 000 auf dieser turbulenten Baustelle, wo der bunte Anstrich der Hochhäuser (bis zu 18 Stockwerken) und die mickrigen, gerade frisch gepflanzten Bäumchen nichts als Öde verbreiten – ein Zustand, der für einige hundert Bewohner des Märkischen Viertels bereits mehr als drei Jahre andauert.

Gewiß, es handelt sich um eine Übergangsphase. Doch es hat den Anschein, als hätten die Planer, die „den Bedürfnissen der Bürger von morgen Rechnung tragen“ wollen (Bausenator Schwedler), die Bedürfnisse der Bürger von heute nur mangelhaft berücksichtigt. „Wenn Schulen fehlen, dann nur, weil der Wohnungsbau schneller gegangen ist, als wir uns haben träumen lassen ...“ Und: „Wer konnte damals schon erwarten, daß so viele junge Leute mit Kindern dort hinziehen?“, so der ehemalige Senatsbaudirektor Professor Düttmann und sein Nachfolger Müller auf einer Diskussion mit den „Diagnose“-Antragstellern. Aber zeigen diese vagen Entschuldigungen nicht die Mangelhaftigkeit einer Planung, bei der man sich mehr auf die Intuition als auf exakte Daten verließ?

Die Mängel im Märkischen Viertel sind nicht zu übersehen. So werden dort beispielsweise doppelt so viele Kinder leben, als die Planer es vorausgesehen (oder „erträumt“) haben. Es mußte erst eine Protestaktion von 685 Familien (mit insgesamt 1511 Kindern) gestartet werden, um den Westberliner Abgeordneten klarzumachen, daß der Schulbau dieser Situation anzupassen sei. Die Folgen der fehlenden Schulen haben bereits jetzt die – Kinder zu tragen: Die Klassen quellen über; die Folge: Schichtunterricht. Für die rund 2800 Schulpflichtigen stehen nur drei Grundschulen in ihrem Viertel offen; eine Oberschule, vor allem aber eine Hilfsschule, die bei dem im Vergleich zu anderen Stadtteilen hohen Anteil der Hilfsschüler; besonders wichtig wäre, fehlen. Und es fehlen auch Kindertagesstätten, Freizeiteinrichtungen, Sportplätze, Spielplätze – kurz alles, was zu einem Gemeinwesen von Rechts wegen gehört.

Jene Menschen, die zuvor in diesem Gebiet wohnten und als sogenannte „Abrißmieter“ in die neuen Wohnblocks einzogen, lebten sich relativ schnell ein: „Vom Kleinsiedler, der versuchte, seine Ziege mit auf den Balkon zu nehmen, vollzog sich der Wandel zum Kleinbürgertum mit Heimatgefühl fast reibungslos“, stellt Fürsorger Simon fest. Aber bei jenen, die aus den Sanierungsgebieten Kreuzberg und Wedding in das Neubauviertel umgesiedelt wurden (ihre alten Wohnungen wurden abgerissen), wurden schwere soziale Konflikte offenbar. Es kam zu Auseinandersetzungen mit jenen „Ureinwohnern“, die unmittelbar an der Neubausiedlung (ihrer farbigen Fassaden wegen „Papageiensiedlung“ genannt) kleine Einfamilienhäuser besaßen. Diese Alteingesessenen, zumeist Handwerker, hatten sich vor dreißig Jahren den Traum vom Häuschen im Grünen erfüllt und sahen eines Pages ihren schönen Ausblick durch riesige Betonklötze verstellt. In die zogen dann Familien ein mit vielen Kindern, einige von ihnen direkt aus dem Obdachlosenasyl. Ihnen allen nun wurde ein Wohnkomfort geboten, der den „Ureinwohnern“ dreißig Jahre lang versagt geblieben war. Sie hatten die Vorteile eines Lebens, im! Grünen unter anderem mit fehlender Kanalisation und ungepflasterten Anfahrtswegen bezahlen müssen.

Ihre Siedlerruhe sahen sie endgültig gestört, als zwischen ihren Gärten und, der „Papageiensiedlung“, in der rund 430 Kinder leben, ein „Abenteuerspielplatz“ eingerichtet wurde. Die Idee für dieses Spielgehege, das so gar nicht den Vorstellungen von einem artigen Spielplatz entspricht, hatte die Jugendstadträtin Reichel aus England mitgebracht. „Hier können“, laut Hinweistafel, „Kinder ab 5 Jahren von 12 bis 18 Uhr nicht nur buddeln, planschen, klettern, sondern auch malen, mauern, zimmern, so viel es ihnen Spaß macht.“ Obwohl die Initiatoren bereits nach einem halben Jahr feststellten, „daß der ,Abenteuerspielplatz‘ wesentlich dazu beigetragen hat, Problemkindern zu helfen, sich zurechtzufinden, und ihnen die Einordnung in die Gesellschaft zu erleichtern“, hielt dieses Ergebnis die Alteingesessenen, von den Neuzuzüglern „Friedhofsgemüse“ genannt, nicht davon ab, einen „Verein zur Lärmbekämpfung“ zu gründen und mit einem Prozeß zu drohen. Die „Rasse“ wiederum, wie die Gegenseite von den alten Siedlern abfällig genannt wird, formierte sich zu einem „Elternverein zur Förderung des Abenteuerspielplatzes“, der sich inzwischen in einen „Bürgerverein“ wandelte.

Dieser soziale Konflikt, der in Form einer offenen Auseinandersetzung ausgetragen wurde, war immerhin Anstoß, selbst Initiative zu entfalten. Andere Probleme jedoch können von den Bewohnern selbst kaum gelöst werden. Beispielsweise jene, die durch die unverantwortlich erscheinenden Wohnungszuweisungen entstanden sind. Da werden. in einen Wohnblock Familien eingewiesen, von denen jede zweite vom Fürsorgeamt betreut wird. Diese Konzentration erschwert eine Resozialisierung einiger ehemaliger Obdachloser, wenn sie sie nicht gar unmöglich macht. Der Anteil der „stabilisierenden“ Familien ist einfach zu gering.

Aber nicht nur die vielen Fürsorgefälle machen den Behörden zu schaffen, sondern vor allem deren Kompliziertheit, die durch den Kontaktmangel im Neubauviertel nur noch größer wird.

Ein weiteres Phänomen, das die sozialen und psychischen Folgen zeigt, die entstanden sind, als man die Menschen aus ihrem gewohnten Milieu in die neue Siedlung steckte: Einige von ihnen fahren eine halbe Stunde und länger mit dem Bus, um in Wedding oder Kreuzberg in ihrem alten „Laden an der Ecke“ einzukaufen und dabei ihren Bedarf an „Informationen und Kontakt“ zu decken, das heißt, um mit alten Bekannten ganz einfach zu klönen.

Der oft gehörte – Grund, die lange Anfahrt zahle sich wegen der niedrigeren Einkaufspreise aus, ist aber nicht nur ein vorgeschobener. Er hat seine sehr realen Hintergründe. Das von einer Privatfirma geführte Einkaufszentrum im Märkischen Viertel hat seine beiden Selbstbedienungsläden an Firmen vermietet, die sich inzwischen zusammengeschlossen haben und kaum noch miteinander konkurrieren. Einer der Filialleiter hat sogar selbständig die Preise erhöht, um Verluste auszugleichen, die durch Ladendiebstahl entstanden sind.

Es stiegen also für viele Bewohner mit ihrem Einzug ins Märkische Viertel nicht nur die Mieten (zum Teil um das Doppelte oder Dreifache), sondern auch die übrigen Lebenshaltungskosten. Im Bezirksamt Reinickendorf weiß man von diesen zusätzlichen Schwierigkeiten: „Die soziale Anpassung an die neue Umwelt und die veränderte Umgebung haben manchem die ersten Monate schwer werden lassen. Zu einem besonders ernsten Problem wurde verschiedentlich die andersartige Form der Einkommensverwendung und die ungewohnte Miete. Mit den Mietschulden wuchsen Ärger und Unzufriedenheit.“

Unzufrieden sind die Neuen auch mit den Möglichkeiten, ihren Feierabend zu verbringen: „... abends is hier ooch jar nischt los; wenn die Geschäfte zu sind, is doch allet tot hier ...“ Einziger Hauptanziehungspunkt des geselligen Lebens: die Würstchenbuden. Denn die drei von ein und derselben Brauerei eingerichteten Gaststätten („Da sieht doch eine wie die andere aus“) stillen die „Eckkneipensehnsucht“ nicht.

Der Mangel an geeigneten Freizeiträumen hat bereits jetzt ein Problem akut werden lassen, das so gar nicht in die „heile“ Welt des Komforts und der Hygiene paßt, die die Architekten für die Bewohner aufbauen wollten: jugendliche Banden, die Rocker. In schwarzen Lederjacken, mit Mopeds und knatternden Motorrädern, so langhaarig wie es ihre Lehrlings-, Schüler- oder Arbeiterexistenz erlaubt, treffen sie sich am Einkaufszentrum, frotzeln und pöbeln – aus Langeweile. Die Erwachsenen haben sie aus den Kellerräumen der Wohnblocks vertrieben, die zu klein und zu hellhörig für Basteleien am Moped sind. Auch in den von den Architekten als „gemeinschaftsfördernd“ gelobten Wohnhöfen – „Höfe“, die die Illusion der alten Hinterhöfe, nur sauberer und größer, geben sollten – sind sie nicht gelitten, denn hier hallt jedes Wort wider. Immerhin wurde ihnen mittlerweile eine . Laube als Klubraum in der Schrebergartenkolonie zur Verfügung gestellt, in der aber ausgesprochen „bürgerliche“ Spielregeln gelten. Einer der Anführer bekam Hausverbot, weil er Kirschkerne auf den Boden des Hauses gespuckt hatte.

Die in jeder Neubausiedlung auftretenden sozialen Konflikte hätten im Märkischen Viertel aber durch eine bessere Voraussicht der Planer verringert werden können. Im Reinickendorfer Fürsorgeamt ist man über die Konflikte und Spannungen informiert. Da die Haupttätigkeit dieses Amtes bisher jedoch darin besteht, die Notlagen, die durch die ungewohnte Einkommensverteilung (beispielsweise höhere Mieten) entstanden sind, zu lindern, kann es in den übrigen Bereichen kaum tätig werden und helfen. Soziale und karitative Organisationen springen ein, um die Versäumnisse der Stadtplanung wiedergutzumachen. Aber diese Helfer sind nicht von allen gern gesehen. Ist ihre Tätigkeit doch letztlich das Eingeständnis, daß „nicht alles stimmt“. Caritas und Arbeiterwohlfahrt mußten anderthalb Jahre mit der Wohnungsbaugesellschaft „gesobau“ kämpfen, ehe sie Räume mieten konnten.

Inzwischen schaltete sich auch der Verband Deutscher Nachbarschaftsheime ein. Vor wenigen Monaten richtete er in einem verwohnten Einfamilienhaus, das mit einem idyllischen Obstgarten zur „Urbebauung“ des Viertels gehört, ein „Forum“ ein. Eine schwarze Tafel am Gartenzaun zeugte von Optimismus: „Im Märkischen Viertel könnte es zum Beispiel auch geben: Hobbyklub, Kaffee-Ecke, Do-it-yourself-Werkstatt, Seniorenklub – wenn Sie nur wollten. Hier im Forum sind Leute, die Ihnen helfen, so etwas zu machen“. Und in der Tat, das Forum wurde zu einem Erfolg. Das Haus, Stützpunkt der beiden für den Verband tätigen Sozialarbeiter, von dem aus sie gegen den sozialen Notstand ins Feld ziehen, wurde zunächst von 60 Kindern aus der Nachbarschaft erobert. Sie interessierten sich vorerst für die fällige Obsternte und richteten sich dann in den Räumen des alten Hauses häuslich ein. Dann kamen jugendliche Mopedbastler, die den Schuppen in eine Werkstatt verwandelten, und schließlich zogen auch zwei Beatgruppen ein, „The Hendersons“ und „The Fire Flames“, die unterm Dach proben. „Die Bewohner oder ein Teil der Bewohner eines bestimmten geographischen Gebietes sollen angeregt werden, sich der in ihrer Wohnsituation und ihrem Lebensraum entstehenden Probleme im sozialkulturellen Bereich (Erziehung, Bildung, Freizeitgestaltung, soziale Dienste) bewußt zu werden und gemeinsame Formen und Wege der Lösung zu finden. Hierbei kann die Bildung einer örtlichen Vereinigung hilfreich sein, wobei es gleich ist, welcher Rasse, Nationalität oder Weltanschauung der einzelne angehört. Ebenso soll sich die Anregung auf alle Altersgruppen erstrecken“, umschrieb der Verband deutscher Nachbarschaftsheime umständlich seinen Erfolg. Und schließlich will das Forum eine örtliche Zeitung herausgeben, Spielgruppen gründen, will Babysitter-Ringe anregen, eine Verbraucherberatung ins Leben rufen – kurz, Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Das allgemeine Interesse, das man jetzt allenthalben in Berlin an den sozialen Konflikten im Märkischen Viertel zeigt, macht die neue Stadt gleichsam zu einem Modellfall. Aus den Worten Professor Düttmanns, es habe bei der Planung dieses Viertels „Pannen“ gegeben, „wie es bei jedem Vorhaben dieser Größe vorkommt“, wird man allerdings schließen müssen, daß ähnliche Probleme in den Neubauvierteln Falkenhagener Feld und Britz-Buckow-Rudow auftreten, ohne daß sie bisher in dem Maße publik wurden. Und wie man auf den betreffenden Ämtern hören kann, existieren für diese neuen Wohngebiete noch keine exakten Daten, weder über die Altersstrukturen der Mieter, über die Zahl der Kinder, über die Einkommensverhältnisse. Alles Planungspannen?