München

Der Unbekannte drückte auf die Klingel unter dem Namensschild „Rukavina“ in dem Appartementhaus Paul-Heyse-Straße 25, schoß in der Einzimmerwohnung das Magazin seiner Automatikpistole leer und verschwand wieder. Am Samstag vor vierzehn Tagen wurden die Opfer auf dem Münchner Waldfriedhof zu Grabe getragen: drei Exilkroaten. Mile Rukavina, 58, Präsident des „Bundes der Vereinigten Kroaten e. V.“, Cresimir Tolj, 30, Chefredakteur der Zeitschrift „Kroatische Freiheit“, und Vid Maricic, 22, ohne besondere Funktion. Es war, wie eine Nachrichtenagentur meldete, „die größte Beerdigung für kroatische Emigranten nach dem Kriege“.

Für die Münchner Kriminalpolizei ist diese Bluttat ein weiterer Fall im „Dschungelkampf“, den Exilpolitiker und Agenten bevorzugt in der bayerischen Landeshauptstadt austragen. Etwa sechs Stunden waren vergangen, als die Leichen entdeckt wurden; die Polizei konnte auch eine Woche später nur Mutmaßungen anstellen: daß der Täter eine Pistole mit Schalldämpfer gehabt haben muß; daß die Tat jene Präzision vermissen läßt, die bei Agentenmorden normalerweise üblich ist, denn es wurden zum Beispiel Patronenhülsen zurückgelassen; und daß schließlich politische Mordmotive nicht auszuschließen sind.

In den Büros der Mordkommission füllen inzwischen einschlägige Akten ganze Regale. Bundesdeutschlands „heimliche Hauptstadt“ ist auch eine „Hauptstadt der Untergrundbewegungen“. Zahlreiche östliche und westliche Geheimdienste sowie Emigrantenorganisationen haben ihren Sitz in München, und in keiner anderen bundesdeutschen Stadt gab es bisher soviel Opfer dieses Untergrundkampfes.

1952 erschlug der Sowjetspion Ismailow in seinem Münchner Untermietzimmer den Sowjetflüchtling Fataly Bey. Der Täter konnte entkommen. 1955 zerriß eine Paketbombe im Postamt München 13 den faschistischen slowakischen Exminister Matus Cernak. Bei diesem Anschlag fanden zwei weitere Menschen, ein Ausländer und eine Münchner Rentnerin, den Tod. Täter unbekannt.

1957 wurde der ukrainische Nationalist Lew Rebet tot aufgefunden. 1959 lag der ukrainische Nationalistenführer Stefan Bandera tot im Treppenhaus eines Anwesens im Zentrum Münchens. Der Mord an den beiden Ukrainern wäre nie aufgeklärt worden, wäre nicht der Sowjet-Agent Bogdan Staschinski zwei Jahre später von Ostnach Westberlin gewechselt hätte und dort amerikanischen Dienststellen berichtet, daß er die beiden Exilpolitiker mittels einer neuartigen Zyankali-Giftpistole umgebracht hat.

Mit den drei Kroaten kommt die amtliche Todesliste nur auf die Zahl sieben. Bereichert wird die lokale Bilanz durch einen weiteren mysteriösen Tod eines Ostemigranten, durch zwei mißglückte Mordanschläge und einen Bombenanschlag auf eine Emigrantenzeitung, durch die spektakuläre Entführung des französischen OAS-Führers Argoud aus einem Münchner Hotel im Jahre 1963, durch Gift, das in den Salzstreuern der Kantine des Senders „Freies Europa“ entdeckt wurde. Aber es starben in München auch Exilpolitiker ganz normal im Bett, wie der 72jährige Alexander Cordzaya, prominenter Vertreter der georgischen Sozialdemokraten, der bereits 1921 nach Deutschland kam, zunächst nach Berlin und nach dem Zweiten Weltkrieg in die Isarmetropole.