Nur einmal stand die CDU vorige Woche auf ihrem Parteitag in Berlin geschlossen hinter ihrem Vorsitzenden: als Kurt Georg Kiesinger von der enragierten Kanzler-Gegnerin Beate Klarsfeld (29) geohrfeigt worden, war.

Der Parteitag forderte ein Bundesbildungsministerium und machte sich für eine stärkere NATO stark. Die allseits erwartete Entscheidungsschlacht um die Mitbestimmung fand indessen nicht statt – die Partei einigte sich in ihrem neugefaßten Aktionsprogramm nur auf die Kompromißformel: eine „schematische Übertragung“ des Montan-Modells werde „nicht befürwortet“. Dafür gab es Streit um die Dauer der Großen Koalition. Kiesinger: Das Wahlergebnis könne zur Fortführung des Regierungsbündnisses zwingen, jedoch „mit 1973 müßte die absolute Grenze erreicht sein“.

Gegen diese Perspektive liefen die CDU-Nachwuchsleute Sturm. Der Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion Barzel und der rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Kohl forderten vom Kanzler mehr Kämpfermut. Kiesinger revozierte in seiner Schlußansprache jedoch nur schwach: Er habe das Kämpfen nicht verlernt, und natürlich dürfe das Bündnis nur vorübergehend sein; solange es aber bestehe, könne er lediglich dafür sorgen, daß der Koalitionspartner auf dem Kurs bleibe, „den ich will; ich bestimme die Richtlinien der Politik“.

Die Sozialdemokraten griffen das Stichwort auf. Bundesgeschäftsführer Wischnewski: In der Großen Koalition sei keine einzige wichtige Entscheidung gegen die SPD möglich. Bundesvorsitzender Brandt: „Wir sind nicht klein, sondern ebenbürtig. Wir sind nicht bequem, aber zuverlässig.“ Sein Stellvertreter Helmut Schmidt faßte nach: „Ich halte es für dringend notwendig, daß in der Bundesrepublik mal vier Jahre lang die Sozialdemokraten die Richtlinien der Politik bestimmen.“