Richard Nixons politisches Profil: Eine Addition von Gegensätzen

Von Theo Sommer

Richard Milhous Nixon hat die amerikanische Präsidentenwahl knapp gewonnen – so knapp, wie er 1960 gegen John F. Kennedy verloren hatte; es liegt eine gewisse poetische Gerechtigkeit darin. Vor einem Jahr noch galt er politisch als toter Mann, jenseits aller Hoffnung auf Wiederbelebung, vergessen, verlästert, verlacht; am 20. Januar übernimmt er das mächtigste Amt der Welt. Es ist, wie der Chefredakteur der New York Times in seiner spöttelndrespektvollen Art schon nach Nixons Nominierung in Miami schrieb, "das größte Comeback seit Lazarus".

Indessen hat Nixon bisher nur bewiesen, daß er gewinnen kann, Der Nachweis, daß er auch zu regieren vermag, steht noch aus. Und so sehr sich die Kommentatoren jetzt auch auf seine Reden und Schriften stürzen, ein klares Zukunftsprogramm läßt sich daraus nicht destillieren. Frieden nach innen und nach außen hat er seinem Volk versprochen, aber auf welchen Wegen er ihn erreichen will, hat er nicht dazugesagt. Wohl bezog er – laut eigener Statistik – während des Wahlkampfes zu 167 "großen Fragen" der amerikanischen Politik Stellung, doch seine Antworten darauf blieben entweder vage oder widersprüchlich, sein politisches Angebot glich einem Warenhauskatalog, der allen alles bietet. Ein Schwall von Allgemeinheiten verhüllte die Prinzipien wie die Prioritäten seiner Politik

So kommt es, daß Richard Nixon als der große Unbekannte in das Weiße Haus einzieht; daß die eine Hälfte der Amerikaner ihm alles zutraut und die andere gar nichts; daß nun ein großes Rätselraten anhebt, was er wirklich denkt und will. Nixon hat seinen Sieg erkämpft, ohne gleichzeitig glaubhaft zu machen, daß er den Lorbeer verdient hat. Es ist viel von einem "neuen Nixon" die Rede, der jedoch nie recht greifbar geworden ist; die Erinnerung an den "alten Nixon" dagegen hindert viele daran, rechtes Zutrauen zu dem Manne zu fassen, der Amerikas 37. Präsident werden soll.

Die Boshaftigkeiten über diesen alten Nixon füllen ganze Aüsschnittbände. Finster, unfair, ein Kommunistenfresser und Atomwaffenbesessener, ein Mann ohne Herz und ohne Rückgrat – so sahen ihn seine Zeitgenossen, als er von 1953 bis 1961 Eisenhowers Vizepräsident war. "Ich weiß nicht, ob er irgendwelche Überzeugungen hat", sagte damals ein prominenter Republikaner, einen Vorwurf vorwegnehmend, der Nixon auch heute wieder gemacht wird: daß er ein Plastik-Politiker sei, der sich nach Belieben zurechtbiegen lasse. "Es fehlen seinem Gewissen jene Skrupel, die das Land mit Recht von seinem Präsidenten erwarten darf", beurteilte und verurteilte ihn Walter Lippmann, der damit den weitverbreiteten Eindruck wiedergab, Nixon sei ein Mensch, der weder Gnade noch Mitleid noch Rücksicht kennt. "Mich schaudert bei dem Gedanken, daß Mr. Nixon zum Wächter über die Zukunft unserer Nation bestellt werden könnte", entsetzte sich Adlai Stevenson. "Richard Nixon ist für einen frühen Frühling und einen späten Herbst und gegen menschenfressende Haie", höhnte Joseph Alsop. Das Spottwort war im Schwange, Nixon habe das "Rührei des Kolumbus" erfunden, er spezialisiere sich darauf, Omeletts zu backen, ohne dabei die Eierschalen zu zerschlagen.

Dabei war das nicht immer so. Ende der vierziger Jahre scheute er sich nicht, Zorn zu wecken, und er war denn auch vielen Liberalen so verhaßt wie Joseph McCarthy. Als blutjunger Kongreßmann und Mitglied des Ausschusses zur Untersuchung Unamerikanischer Umtriebe hatte Nixon allein durch seine hartnäckige detektivische Kleinarbeit bewirkt, daß der Ex-Diplomat Alger Hill langjähriger landesverräterischer Verbindungen mit Kommunisten überführt wurde. Es war eine cause célèbre, die Amerika in seinen Grundfesten erschütterte; mit Hiss fühlte sich eine ganze Generation von Liberalen angeklagt und verurteilt.