Hamburg

Vom künstlerischen Standpunkt aus gleich Null“. Das Urteil des Hamburger Amtes für Denkmalsschutz zweifelt niemand an: das Wissmann-Denkmal, das bis vor wenigen Tagen noch im Park der alten Hamburger Universität stand, hatte mehr historische Bedeutung.

Von Hermann von Wissmann aber, einst Schutztruppenführer in Deutsch-Ostafrika, wollten Hamburgs Studenten nichts mehr wissen. Für sie war er ein wilhelminischer Kolonialist, wert, ihn endgültig vom Sockel zu holen.

Im August letzten Jahres versuchten sich fünf Studenten als Denkmalsstürmer. Wer die Idee dazu zuerst hatte? Nun: so leicht ist das heute nicht mehr auszumachen: die kollektive Gedankenproduktion „verschleiert“ die lange bewährte Rädelsführertheorie, Fest steht: schon acht Tage vor dem Wissmann-Sturz, öffentlich angekündigt als „symbolischer Akt“, begann ein Kamerateam des NDR mit den Dreharbeiten. Ein Stück aus dem „Alltag“, so lautete der Fernsehauftrag. Und die Studenten inszenierten zusammen mit dem Regisseur die Wissmann-Revolte zum alltäglichen Show-business. Die rote Fahne wurde als politisches Alibi nachgeliefert. Doch Wissmann blieb standhaft, er wackelte nur leicht.

Nichtsdestotrotz: Die Schulbehörde stellte, zusammen mit der Hochschulabteilung, Strafantrag wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruchs. Letzte Woche sollte das gerichtliche Nachspiel gegen die Studenten stattfinden. Daß es nicht dazu kam, lag an Hermann von Wissmann: er stieg plötzlich in seinem – politischen – Wert.

Anfang November verschwand Wissmann endgültig von seinem Sockel. In einer feierlichen Prozession trugen ihn Studenten in die Mensa der Universität. Dort aufgestellt, wollte ihn von den zuständigen Stellen zuerst niemand mehr haben. Sie ließen Wissmann fallen wie eine heiße Kartoffel. Erst nachts, die studentische Ehrenwache war längst abgezogen, holte ihn, mit Unterstützung des Studentenwerkes, die Hochschulabteilung heimlich aus der Mensa und versteckte ihn in einem Keller.

Einige Tage blieb das verwaiste Podest ohne Funktion. Ein Zustand, der in einem denkmalsliebenden Land als beinahe unerträglich gelten darf. Die Vergangenheit, zumindest die des neunzehnten Jahrhunderts, konnte tagelang nicht bewältigt werden. – Und die NDR-Filmer mußten ungewollt eine kurze Drehpause einlegen.