M. F., Saigon, im November

Wem soll die Herrschaft über Südvietnam zufallen – der Regierung in Saigon oder der von den Kommunisten kontrollierten Nationalen Befreiungsfront? Darum ist es im Vietnamkrieg gegangen, und da der Krieg keine Entscheidung darüber gebracht hat, wird es auch in den Friedensverhandlungen allein um diese Frage gehen.

Dies ist der Hintergrund für Präsident Thieus Weigerung, an den Pariser Gesprächen teilzunehmen, wenn die NLF-Vertreter anders denn als Mitglieder der nordvietnamesischen Delegation auftreten. Es kommt ihm darauf an, den „Alleinvertretungsanspruch“ seines Regimes aufrechtzuerhalten. Folglich will er eine selbständige NLF-Delegation nicht akzeptieren.

Bei der Aufregung über die Halsstarrigkeit Saigons ist weithin unbeobachtet geblieben, daß auch die Kommunisten Konzessionen machten, als sie Gesprächen in jener erweiterten Form zustimmten, wie Präsident Johnson sie vorgeschlagen hatte. Immerhin waren sie bereit, die Vertreter der „Saigoner Behörden“, wie sie sie nennen, als selbständige Delegation am Konferenztisch zu akzeptieren, obgleich sie versicherten, damit werde in keiner Weise das Regime Thieus anerkannt. Zu ähnlichem Entgegenkommen sah sich Saigon nicht imstande; es betrachtet die Befreiungsfront nur als einen Teil des Gegners – und nicht einmal als den wichtigsten Teil.

Man braucht sich nur Madame Nguyen Thu Binh anzusehen, jene attraktive Vierzigerin, die in Paris die NLF-Delegation anführt. Auf den ersten Blick scheint sie eine bedeutende Rolle zu spielen. Sie gehört dem Zentralkomitee der NLF an und ist stellvertretender Oberbefehlshaber der Volksbefreiungsarmee. Angeblich ist sie nicht einmal Kommunistin. Aber das will nichts heißen. Das NLF-Zentralkomitee und sein Präsidium sind weder für den Krieg noch für die Vietcong zuständig; beides ist Sache des Zentralen Büros für Südvietnam, einer Organisation, deren Existenz bisher weder von der NLF noch von Hanoi zugegeben worden ist. Ihre Leiter sitzen nicht im NLF-Zentralkomitee. Andererseits aber gehört nicht einmal der NLF-Führer, der Saigoner Rechtsanwalt Nguyen Hun Tho, in einen der entscheidenden Zentralbüroausschüsse. Wenn auch die meisten Vietcong-Anhänger unter dem Banner der NLF und ihrer Nebenorganisationen (für Bauern, Frauen, Jugendliche usw.) organisiert sind, so läuft der wirkliche Befehlsstrang doch über die Kader der Kommunistischen Partei.

Indessen fragt sich, ob die Interessen der Befreiungsfront sich wirklich in allen Punkten mit denen Hanois decken. Hanoi betrachtet den vietnamesischen Kommunismus als Einheit, obwohl es eine nördliche und eine südliche Partei gibt. Aber der alte Gegensatz zwischen Nord und Süd macht sich auch in der Partei spürbar, und Hanoi hat die Notwendigkeit eingesehen, die Gefühle der Genossen im Süden zu respektieren. Das Zentralbüro wird vor allem von Südvietnamesen geleitet, von denen viele 1954 nach der Genfer Konferenz in den Norden gegangen waren; und obgleich nach der Tet-Offensive viele Vietcong-Einheiten bis zu fünfzig Prozent mit jungen Nordvietnamesen aufgefüllt worden waren, blieben die politischen und militärischen Befehlsstellen soweit es ging in südvietnamesischen Händen.

In einer Phase der Verhandlungen mögen die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Kommunisten des Nordens und des Südens schärfer hervortreten als zuvor. Sicherlich halten es viele Kommunisten aus dem Süden für die revolutionäre Pflicht des Nordens, ihnen bei der Befreiung ihrer Heimat zu helfen, und es läßt sich denken, daß nach ihrer Ansicht der Krieg bis zum Endsieg fortgesetzt wird. Jedenfalls wird es den in zehn oder zwanzig Guerillajahren erprobten Vietcong-Offizieren schwerfallen, den Kampf vor dem Sieg abzubrechen – selbst dann, wenn ihnen dieser Sieg für spätere Zeiten und dank anderer Mittel verheißen wird.

Wenn in den Pariser Gesprächen erst einmal Fortschritte zu verzeichnen sind, könnten sich daraus beträchtliche Probleme und Spannungen auf der kommunistischen Seite ergeben. Vielleicht wird Saigon, sobald es sich wieder sicherer fühlt, daraus seinen Vorteil zu ziehen suchen.