Von Hansjakob Stehle

Warschau, im November

Der „Aufstand“ fand nicht einmal im Saale statt. Die rührigen und oft schwer durchschaubaren „patriotischen Kräfte“, die ihn zehn Monate lang geprobt hatten, bald mit alter Partisanentaktik, bald mit jugendlicher Offenheit – sie schienen müde geworden. Niemand stimmte, als Gomulka das Rednerpult betrat, jenes Lied von den „hundert Jahren“ an, mit dem ihn das ganze Volk einst hochleben ließ. Tage zuvor hatte man das Lied von einem wenig sportlich gesinnten Publikum gehört, als ein Boxer seinen sowjetischen Gegner in den Ring legte.

Im Ring des Parteitags hatte dagegen der große Verbündete schon vor dem Gong der ersten Runde nach Punkten gesiegt. Keine stürmischen Ovationen wie einst begrüßten den Parteichef, als er im rotgepolsterten Kongreßsaal des Warschauer Kulturpalastes seinen fünfstündigen Lagebericht vor dem V. Kongreß verlas. Diesmal war es der gemessene Beifall von 1764 Delegierten, deren Mehrheit gewünscht hätte, daß nicht „alles beim alten“ bliebe, die aber spätestens am 21. August begriffen hatten, daß die Abneigung des Parteichefs gegen jegliche Experimente noch einmal triumphieren werde.

Für diesen Zustand hatte der Mann gesorgt, der wie ein gestrenger Schutzengel hinter dem Präsidium des polnischen Parteikongresses thronte: Leonid Breschnjew, der sowjetische Parteichef. Von einem altarähnlichen Podest, das ihn und seine Genossen aus den Reihen der anderen Gastdelegationen heraushob, blickte er über die Schultern Gomulkas. Wenn Gomulka zur ideologischen Aufrüstung des „proletarischen Internationalismus“ rief, so war es Breschnjew, der unmißverständlich kundtat, wie sehr all das von den Belangen der sowjetischen Weltmacht diktiert ist, von der ideologischen, aber auch machtpolitischen Krise, in der ihre Koexistenzpolitik seit langem steckt, die aber erst seit dem Prager Frühling akut geworden ist.

Es klang beschwörend – und keineswegs nur an die polnische Adresse gerichtet –, als Breschnjew vor jedem Kompromiß mit ketzerischen Gedanken warnte und mit dialektischem Geschick den Stalinismus chinesischer Spielart mit liberalen Strömungen im Kommunismus in den gleichen Topf warf: das eine ist für ihn „linker“, das andere „rechter“ Revisionismus; beiden gemeinsam sei „nationale Engstirnigkeit“, die zuweilen in Chauvinismus übergehe.

Breschnjew leugnete nicht das Recht jedes sozialistischen Landes, „nationale Eigenheiten“ zu pflegen; die Zeiten, da der Sowjetunion Gomulkas Verzicht auf die Kollektivierung der Landwirtschaft ein Dorn im Auge war, sind vorüber. Als Gomulka erklärte, die Wege zum Sozialismus „können nicht nur, sondern müssen auch verschieden sein“, nickte Breschnjew sogar wohlwollend. Er beteiligte sich indes demonstrativ am Beifall der Delegierten, als Gomulka hinzufügte: „Aber es gibt nur einen einzigen Sozialismus.“