Mögen Stammtischbrüder dem harten Spruch des Berliner Amtsrichters Drygalla auch begeistert Beifall gezollt haben, die Kommentatoren in der deutschen Presse, von Springers studentenfeindlicher BZ bis zur liberalen Süddeutschen Zeitung, waren sich in ihrer Schelte einig: Über den Ohrfeigen-Überfall auf den Bundeskanzler sei kein gerechtes Urteil gefällt worden, die Justiz habe dem Recht selber einen schallenden Backenstreich versetzt.

„Ein Untertanen-Urteil und ein maßgeschneidertes Kanzler-Urteil zugleich“, schrieb die Frankfurter Rundschau, und der Berliner Abend: „Die Justiz hat sich nicht weniger hysterisch gebärdet als die kleine Attentäterin.“ „Zwölf Monate Gefängnis für eine Ohrfeige: Damit straft man vor allem den Geohrfeigten. Denn mit zwölf Monaten Gefängnis wird die Beleidigung eines Götzen gerächt“, so schrieb der Spiegel. In der Tat: Die Eile war anstößig, mit der hier die oft so langsam mahlenden Steine der Justiz rotierten. Der Eindruck, daß hier ein „Sondergericht“ (Die Welt) sich etablierte, war nicht von der Hand zu weisen. Und schließlich steht das maßlose Strafmaß – ein Jahr Gefängnis – in ganz und gar keinem Verhältnis zur Spruchpraxis der deutschen Gerichte.

Die Justiz sollte sich nicht zu Gefälligkeitsurteilen hinreißen lassen, denn damit liefert sie bloß jenen Munition, die in der schwarzen Robe nur willfährige Staatsbüttel sehen.

v. K.