Von Alfons Sarrach

Der temperamentvolle Vorstoß Sinah Waldens gegen die in den meisten Ländern der Erde tabuierte „Mutterliebe“ trifft ins Schwarze. Es ist tatsächlich an der Zeit, die von Männern durch die Jahrtausende getroffenen Rechtsabsprachen zu durchbrechen. Der Zug zur Personalisierung des Menschen muß eine Farce Weiben, solange die Emanzipation der Frau vor der (für sie von Männern monopolisierten) „Mutterliebe“ haltmacht.

Wir stehen wirtschaftlich zwar an der Schwelle von der Konsum- zur nachindustriellen Gesellschaft, unsere sozialen Beziehungen und Verhaltensmuster tragen jedoch noch in vielen Bereichen deutlich die Spuren alter Nomadenmentalität, in anderen Fällen die Spuren überlebter Agrarkulturen. In den meisten Kulturen haben die Männer es verstanden, der Frau die Monotonie des Alltags aufzubürden; eine Jagd ist selbstverständlich an- und aufregender als das Babysittern in langweiligen Höhlen. Dabei mangelt es der Frau weder an Mut noch an Ausdauer; sie ist darin dem Mann sogar oft überlegen. Doch bis heute werden angedichtete, angezüchtete Regungen als naturgegeben dargestellt.

In seinem Buch „Berufe von morgen“ erwähnt C. V. Rock eine süddeutsche Firma, die sich plötzlich durch eine Grippe-Epidemie unter den männlichen Angestellten gezwungen sah, Frauen aus anderen Abteilungen an komplizierte Rechenmaschinen zu stellen, obwohl sie bis dahin nur an einfachen Maschinen ausgebildet wurden. Das „Wunder“, an das keiner zu glauben wagte, geschah dennoch: Die Frauen waren nicht nur in der Lage, sich einzuarbeiten, sie reduzierten sogar durch neue Einfälle Arbeitsvorgang und -zeit.

Jedoch, die volle Emanzipation der Frau ist nicht damit zu erreichen, daß man ihr die Kinder abnimmt und in Internate steckt. Die sich anbietende Lösung ist vielmehr die Ganztagsschule, auch die Ganztagsvorschule.

Der jahrelange sogar in katholischen Kreisen verketzerte Jesuit Klemens Brockmöller beispielsweise hat schon 1963 – um nur ein Beispiel zu nennen – auf die volkswirtschaftlich unsinnige Ausbildung von Lehrerinnen hingewiesen. Diese kostspielige Investition, so meinte er damals, könne sich unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen gar nicht amortisieren, wenn eine Lehrerin nach wenigen Berufsjahren heiratet und nur mit der Erziehung des eigenen Kindes beschäftigt werde. Hätte sie aber die Möglichkeit, ihr Kind in einer Ganztagsschule unterzubringen, könnte sie ihren Beruf weiter ausüben. Die Gesellschaft ist es, die hinter der Zeit herhinkt.

Tabuierte Restvorstellungen aus der Vergangenheit verhindern die volle Emanzipation. Aber natürlich kann sie nicht ohne Mithilfe der Frau selber geschehen. Nur Weltfremde werden leugnen, daß sich viele Frauen in ihren goldenen Käfigen gar nicht schlecht fühlen und ihn sogar verbissen verteidigen. Junge Mädchen lassen sich immer noch gern „verführen“, um in diesen Käfig zu gelangen. Oder sie setzen sich einer „nicht einkalkulierten“ Empfängnis aus, um sich vom Existenzkampf zu dispensieren, sich vor Prüfungen zu drücken oder schwerer persönlicher Verantwortung aus dem Wege zu gehen.