Von Rosemarie Winter

Schwester“, sagt leise die Frau, die regungslos auf der Wohnzimmercouch liegt, „bitte, rücken Sie mir doch das Kopfkissen noch ein bißchen höher.“ Sie ist seit sieben Jahren an diesen Platz gefesselt: multiple Sklerose im fünfzehnten Jahr. Kein Krankenhaus nimmt sie mehr auf; ein Pflegeheim kann ihr Mann nicht bezahlen. Vor drei Jahren hat er sich vorzeitig pensionieren lassen, um ihr helfen zu können. Manchmal schafft er’s nicht allein. Tag und Nacht ist er in der Wohnung. „Ich kann gar nicht immer so schnell laufen, wie es notwendig wäre“, sagt er, „diese Nacht wieder zwanzigmal.“ Zur Ablenkung züchtet er Vögel in der Küche, acht in einem Käfig.

Die Schwester kommt jeden Tag. Dies war ihr 1053. Besuch. Sie war, wie immer, freundlich, ruhig, hilfsbereit: ein Lichtblick. Sie ist Diakonisse. Aber an diesem Krankenbett betet sie nicht, rezitiert sie keine Bibelsprüche; denn die Eheleute sind keine Christen. Die Devise heißt: „Wir helfen, wo wir gebraucht werden.“ An jedem Vormittag hat sie drei schwere „Pflegefälle zu erledigen“, zwischendurch noch vieles andere, Gemeindekram, Sammlungen, Gratulationen, Ausflüge. Die schlanke Schwester schafft das scheinbar spielend; ehe sie Diakonisse geworden ist, war sie Sportlehrerin.

Warum wird man Diakonisse?

Jeder in ihrem Bezirk kennt sie, viele bewundern sie, oft schwebt zwischen ihr und den anderen die unausgesprochene Frage: Was die Frau bewogen haben mag, diese altmodische Tracht anzulegen, ledig zu bleiben, sich an einem Mutterhaus für Diakonissen zu engagieren, anstatt für eine eigene Familie.

Sie bewohnt mit zwei anderen Schwestern eine kleine Wohnung im Gemeindehaus der Kirche, der sie zugeteilt worden ist. Sie gehört zu dem Diakonissenmutterhaus, dem Vater Bodelschwingh einst den Namen „Sarepta“ gegeben hat: Er soll an die Witwe in Zarpath erinnern, die den Propheten Elia aufnahm, als er auf der Flucht war.

Nach Kaiserswerth, dem ersten noch von Theodor Fliedner, dem Gefängnispastor, gegründeten Haus für weibliche Diakonie, entstand vor hundert Jahren in Bielefeld das zweite. Es ist heute als Bestandteil der Krankenstadt Bethel das größte auf deutschem Boden überhaupt. Gut ein Zehntel der 20 000 deutschen Diakonissen gehören zu „Sarepta“. Alljährlich werden dort noch acht bis zwölf junge Diakonissen nach siebenjähriger Probezeit eingesegnet; in den fünfziger Jahren waren es noch über dreißig.