Von Robert Lucas

Englische Studenten protestieren nicht nur. Sie studieren auch. Und sie begehen Selbstmord. Im Jahresdurchschnitt ist die Zahl der Selbstmorde an der Universität Cambridge (prozentual) zehnmal so groß wie in der entsprechenden Altersgruppe der Gesamtbevölkerung. In Oxford ist sie siebenmal so hoch. Die Statistiken der übrigen Britischen Universitäten bieten ein nur etwas weniger melancholisches Bild: Dort schwankt die Selbstmordquote zwischen dem Drei- und Sechsfachen des nationalen Prozentsatzes. Und das ist schlimm genug.

Natürlich hat es zu allen Zeiten Jugendselbstmorde gegeben. Aber warum sind die jungen Menschen, die als die geistige Elite ihrer Generation gelten, besonders anfällig?

Niemand kann dieses traurige Phänomen restlos erklären. Finanzielle Notlage? Bestimmt nicht: alle englischen Studenten (mit Ausnahme jener aus reichen Elternhäusern) erhalten staatliche Stipendien, die zusammen mit den genau vorgeschriebenen väterlichen Zuschüssen ausreichen, die Studiengebühren und die Kosten von Lehrbüchern, Quartier, Mahlzeiten und sonstigen Lebensnotwendigkeiten zu decken. Es besteht auch kein klarer Zusammenhang zwischen Selbstmorden und Prüfungen. Weder die dem Examen vorangehende nervöse Spannung noch die Enttäuschung über ein Versagen löst den endgültigen Kurzschluß aus.

Das zumindest ist das Ergebnis einer Untersuchung, die Dr. Anthony Ryle, der Leiter des Gesundheitsamtes der Universität von Sussex, angestellt hat. Dr. Ryle legte seiner Arbeit die Erfahrungen zugrunde, die er in den vergangenen Jahren an seiner Universität gesammelt hat. Im Laufe der normalen dreijährigen Studienzeit, die mit dem Bakkalaureat abgeschlossen wird, konsultieren nämlich nicht weniger als zwanzig Prozent der Studenten zumindest einmal die psychiatrische Abteilung des Gesundheitsamtes, und bei ungefähr der Hälfte von diesen erweist sich eine Behandlung als notwendig. Nicht ganz zwei Prozent der Studierenden müssen irgendwann während ihrer Universitätszeit in eine Nervenklinik aufgenommen werden.

Fast jeder dieser psychisch gestörten jungen Menschen, so stellte Dr. Ryle fest, kam aus einer schweren emotionellen Konflikten unterworfenen Familie. „Die seelische Krise, die der Student durchmacht, hat ihre Ursache nicht in der Universität, an der er arbeitet, sondern in dem Heim, aus dem er gekommen ist. Ihre Ursprünge sind in Kindheitserlebnissen zu suchen, in bitteren Zerwürfnissen seiner Eltern oder auch in der unglücklichen Erbschaft eines verwundbaren Temperaments. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Universitätsjahre zeitlich mit dem Übergang aus der Adoleszenz ins Erwachsensein zusammenfallen. In dieser, auch normalerweise stürmischen Entwicklungsphase wirkt der Eintritt in die Universität als eine Herausforderung von besonderer Vehemenz. Zum erstenmal in seinem Leben findet sich der Student im Wettbewerb mit Gleichaltrigen in einem Milieu, in dem er persönliche, sexuelle und akademische Anerkennung ausschließlich durch die eigenen Leistungen erlangen kann.“

Nur die wenigsten englischen Studenten leben in der Studienzeit zu Hause. So müssen sie in einer ungewohnten Umgebung, ganz auf sich gestellt, mit ihren neuen und alten Problemen fertig werden. Und die Pseudo-Vaterfiguren der Universität, die Professoren und Dozenten? Für den Durchschnittsstudenten bleiben sie schattenhafte Fremde, die ein Sonderleben in einer anderen Sphäre führen.