Von Claus Gatterer

Otto Leichter: „Zwischen zwei Diktaturen – Österreichs Revolutionäre Sozialisten 1934 bis 1938“; Europa-Verlag, Wien; 468 Seiten, 30,– DM.

Im Februar 1934 wurde die österreichische Sozialdemokratie in einem kurzen, blutigen Bürgerkrieg zerschlagen. Dollfuß, der „Milli-Metternich“, perfektionierte damit seine austrofaschistische Diktatur, die nach seiner Ermordung durch Nazi-Putschisten im Juli an Schuschnigg überging. Schon im Frühjahr 1934 wirkten im Untergrund die Revolutionären Sozialisten, die sich nicht einfach als Fortsetzung der alten Partei verstanden: der Verzicht auf das „Demokratie“ im Namen und die Betonung des „revolutionär“ mögen zufällig zustandegekommen sein, der Zufall entsprang jedoch einer Atmosphäre, in welcher Revolution wichtiger schien als Demokratie.

Josef Buttinger, lange Zeit der Führer der Revolutionären Sozialisten, schrieb später („Am Beispiel Österreichs“, Köln 1953) darüber: „Es war kein macht- und verheißungsvolles Aufbäumen, dieses selbständige politische Streben der Arbeiterschaft nach dem Februar 1934 ...; aber es bewirkte, das das ‚Neue‘ in der illegalen Arbeit keine bloße Einbildung einiger Enthusiasten war, sondern eine wirkende politische Kraft. Es machte aus potentiellen Bürokraten vorübergehend kämpfende Sozialisten. Es gab den ‚neuen Menschen‘ jenen Schwung, der nur eine Bewegung auszeichnet, die auf einem echten politischen Massenwillen gegründet ist.“

Die Revolutionären Sozialisten konnten sich – trotz aller Enttäuschung über das „Versagen“ der eigenen Partei und trotz aller Verfolgung durch das „System“ – bald auf etliche tausend Aktivisten in ganz Österreich stützen. Den meisten war die Kritik an den Fehlern der „Alten“, des „Apparats“, ebenso wichtig wie der Kampf gegen den Austrofaschismus; die Analyse der sozialistischen Niederlage und die Überwindung des – durch die Emigration in Brünn repräsentierten – „Alten“ erschien ihnen als unerläßliche Voraussetzung nicht nur für den Sieg über den Faschismus, sondern auch für die Erneuerung des Sozialismus.

Otto Leichter stieß als Mann aus den mittleren Rängen des Redaktionsstabes vom Zentralorgan der alten Partei, der „Arbeiter-Zeitung“, also des alten Apparats, zu den Revolutionären. Im Grunde genommen stand er der Führungsgruppe um Otto Bauer in Brünn näher als den ringenden und suchenden jungen Illegalen in Österreich. Obschon er die beiden Ebenen – jene der Illegalität im Innern und jene der Emigration – bis zum letzten Tratsch-Detail kennt, ist es ihm hier nicht gelungen, die Geschichte der Revolutionären Sozialisten zu schreiben. Dreierlei hindert ihn daran: er bekommt die ideologischen Auseinandersetzungen nicht in den Griff; er führt – mit dreißigjähriger Verspätung – die persönliche Polemik gegen Buttinger weiter, wobei er diese Auseinandersetzung dadurch verzerrt, daß er Buttingers in vieler Hinsicht höchst aufschlußreiches Werk nicht einmal erwähnt und die kaum zitierten Gedanken des einstigen Widersachers mit den Keulen langer Zitate von „Klassikern“ wie Otto Bauer und Fritz Adler erschlägt; schließlich verfällt er in Apologetik (dieses barocke österreichische Übel), wo die Geschichte den Sozialisten ohnehin recht gegeben hat.

Viel wesentlicher ist, was Leichter zur Geschichte Österreichs jener Zeit beisteuert, vor allem die Dokumente aus dem „Nachlaß des nationalsozialistischen Regimes“. Bei Erscheinen des Buches hat vor allem Schuschniggs angebliche Loyalitätserklärung an Hitler Aufsehen erregt, schien sie doch die tragische Gestalt dieses zaudernden und gehemmten „Diktators“ ein zweites Mal zu verdammen und jenen recht zu geben, die Schuschnigg und Österreich verraten hatten, vom älteren Verrat an der Demokratie ganz zu schweigen. Diese in der Gestapohaft verfaßte Erklärung Schuschniggs enthält sicherlich Sätze, die heute manchen unfaßbar erscheinen mögen („Der Führer ... hat vollendet, was Bismarck begonnen hat.“ Oder: „... in bedingungs- und vorbehaltloser Loyalität zu Führer, Reich und Volk zu stehen“), doch gibt es da auch Bekundungen, welche die Statur dieses „Diktators wider Willen“ viel größer erscheinen lassen als die mancher seiner Mitarbeiter und Gegner: „Ich war auf die Erhaltung der Selbständigkeit Österreichs verpflichtet. Sie war mein politisches Glaubensbekenntnis, dem ich nach bestem Wissen und Gewissen zu dienen bestrebt war.“ Sollte der oben zitierte Loyalitätssatz tatsächlich von Schuschnigg geschrieben worden sein (Schuschnigg selbst zweifelt es an, ohne es auszuschließen), so haben die Nazis ihn gleichwohl nicht als Loyalitätserklärung begriffen und Schuschnigg ins Konzentrationslager gesteckt, wie er’s auf Grund seines „politischen Glaubensbekenntnisses“ in ihren Augen nicht anders verdiente.