Seine beiden ersten Premieren zeigte er erst zu einem Zeitpunkt, da etwa in Hamburg der zugleich mit ihm angetretene Intendant bereits wieder abgetreten war. Eine neue Ära an der Burg geht selten ohne Grillparzer ab. Diesmal war es „Die Jüdin von Toledo“, von Kurt Meisel als eine Staatsaffäre in einem Staatstheater inszeniert.

Daß Grillparzer ein vorausschauender Psychologe war, von dem Verbindungsfäden bis zu Freud führen, blieb in dieser unterkühlten Aktion unsichtbar. Gewiß ist die „Jüdin“ nicht eines seiner glücklichsten Werke. Die Heldin (in Wien Else Ludwig) ist eine Lola-Montez-Figur, ihre Beseitigung durch die Granden des Hofes ein Akt der Staatsräson. Das Rassenproblem tritt zurück: Als das Drama entstand, schlummerte gerade der österreichische Antisemitismus, um sich für neue Taten zu stärken. Man sah Klaus Jürgen Wussow als jungen König im Kampf mit der hausüblichen Deklamatorik und Paul Hörbiger, dessen Isaak einem Shylock glich, der unterwegs zum Kabarett war. Bei aller humanitären Würde war dies kein sehr erhebender Beginn.

Im Akademietheater, dem kleinen Haus der Burg, rettete dann Leopold Lindtberg den Auftakt der neuen Ära mit einem so gut wie unbekannten Nestroy. „Der Unbedeutende“, zwei Jahre vor der 48er Revolution geschrieben, fängt etwas von deren Wetterleuchten ein: Kleine Leute, die zum Spielball der Intrigen mächtiger Schranzen werden. Heinrich Schweiger spielte den Schurken mit der nachtschwarzen Seele als einen ins biedermeierliche Wien verschlagenen Hofsekretär Wurm und ließ dabei Horváth-Farbe durchschimmern. Daß man an der Burg ein hinreißendes Nestroy-Ensemble zur Hand hat, zeigte sich an dem robusten Kraftlackel, den Erich Auer spielte, oder an dem verknautschten Raunzer Hugo Gottschlichs. Vor allem aber verblüffte die angriffige Schärfe dieses selten gespielten Nestroy-Textes mit dem gefährlichen Glitzern seiner Wortpointen.

Lindtberg hat das mit satirischer Verve inszeniert. Wenige Tage nachher hatte man Gelegenheit, diesen „Nestroy pur“ mit Krejcas Nestroys à la tchèque zu vergleichen. Bei dem Remis, das sich dabei ergab, hätte der Klassiker der Wiener Vorstadtkomödie wohl, wie sein Holofernes, die Frage aufgeworfen, wer stärker sei: „Ich oder ich?“

Haeusserman aber, der eben aus der Burgtheater-DirektionGeschiedene, tauchte in einer verblüffenden Rolle wieder auf: als „Nachwuchsregisseur“ der Josefstadt. Im Hause Max Reinhardts sollte dessen 25. Todestag mit einem seiner Lieblingsstücke gefeiert werden: mit Pirandellos „Sechs Personen“.

Haeusserman war während der Emigrationsjahre Reinhardts Assistent gewesen, auch als dieser drüben die „Sei personaggi“ inszenierte. Und obgleich man sonst heute allerorten Pirandellos Urfassung spielt, griff Haeusserman nach der Reinhardt-Version, die mehr Theater, mehr Optik und auch einen anderen Schluß hat. Sie lag wohl auf der Linie seiner eigenen Interpretation, in der die komödiantische Vertauschbarkeit von Existenz und Kulissenzauber den Hauptakzent setzte. Bei diesem Regiedebüt war alles Schaubare ins rechte Licht gesetzt, ohne daß die bohrende Fragestellung nach dem Sein darunter gelitten hätte. Der Abend war luxuriös besetzt: mit Gustav Knuth als Theaterdirektor, mit Leopold Rudolf und Vilma Degischer als Elternpaar, mit Ursula Lingen als Tochter und Lotte Lang als kupplerischer Madame Pace. An dieser Art seiner zu gedenken, hätte Reinhardt vermutlich Freude gehabt.

Runde zwei Kilometer von ihrem rotgoldenen Settecento-Haus entfernt, betreibt die Josefstadt ihr Kleines Haus. Von Anfang her dem Experimentaltheater zugedacht, war von solch aufrührerischem Ehrgeiz in den letzten Jahren kaum mehr etwas zu merken, wohl aber von Edelboulevard zum Wohlgefallen der Abonnenten.