Warum die meisten Universitäts-Examina dringend verbesserungsbedürftig sind

Von Manfred Sader

Professor Dr. Manfred Sader ist Ordinarius für Psychologie an der Universität Münster

Wenn nach Sinn und Zweck akademischer Prüfungen gefragt wird, so denkt man vor allem an ihre Auslesefunktion. Mit Hilfe von Prüfungen soll zwischen „geeigneten“ und „nichtgeeigneten“ Kandidaten unterschieden werden, und es sollen qualitative Unterschiede zwischen ihnen aktenkundig gemacht werden: sehr gut, gut, befriedigend und so weiter. Es kann heute als nachgewiesen gelten, daß mündliche Prüfungen, ob als Einzel- oder als Gruppenprüfungen, dieser Auslesefunktion meist nur unzulänglich gewachsen sein können:

  • Schon über die zu wählenden Beurteilungsaspekte herrscht wenig Einigkeit, die Beurteilung von Fleiß, Fähigkeiten, Kenntnissen, praktischer Berufstauglichkeit und zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten gehen ziemlich durcheinander.
  • Es ist nicht möglich, alle derartigen Aspekte gleichzeitig auf ein und derselben Dimension abzubilden.
  • Auch die Bezugssystem-Abhängigkeit der Bewertungen wird zumeist gar nicht als Problem gesehen; die Festlegung von Skalenmittelwert und Streuungsbreite geschieht weitgehend subjektiv: Noten sagen daher oft mehr über den Beurteiler aus als über den Beurteilten.

Teestunde beim Ägyptologen

Empirische Untersuchungen darüber, was mündliche Prüfungen im akademischen Bereich faktisch taugen, sind selten: Denn zumeist fehlen Kriterien, mit denen man feststellen könnte, ob der Kandidat „richtig“ beurteilt wurde. Doch schon die vorhandenen Daten zeigen deutlich, daß es mit der Qualität mündlicher Prüfungen im allgemeinen nicht weit her sein kann. Die Entwicklung wird in den nächsten Jahren sicher dahin gehen, die zentrale Bedeutung des üblichen mündlichen Abschlußexamens für die Beurteilung herunterzuspielen und statt dessen die entscheidenden Leistungsbewertungen in den Studiengang selbst zu verlegen. Einstweilen sind in den Fächern mit großen Studentenzahlen allerdings gewichtige Abschlußprüfungen kaum zu umgehen.