Von Nina Grunenberg

Das erste Wort wurde bei der Einweihung der Großkläranlage Nord gesprochen. Die Gemeinde Ilverich im Amte Lank hatte der Landeshauptstadt hilfsbereit das Grundstück zur Verfügung gestellt; und der Anblick der Düsseldorfer Faultürme auf ihrem Gebiet muß die Gemeindevertreter aus dem Amte Lank und aus. den Nachbargemeinden Büderich und Osterath doch stärker beeindruckt haben, als sie geahnt hatten: Denn als sie sich bei dem Festakt auf der Tribüne die Beine vertraten, lösten sich ihnen zum ersten Male die Zungen. Mehr dem Zwang gehorchend als dem eigenen Triebe fiel das Wort vom Zusammenschluß.

Jeder von ihnen hatte bisher seine Hoheitsgrenzen eifersüchtig gehütet und verteidigt, keiner von ihnen hätte auch nur in Gedanken an der Selbständigkeit seiner Gemeinde gefrevelt – wäre nicht der Sog der umliegenden Großstädte Düsseldorf, Krefeld und Neuß mit den Jahren immer größer geworden. Büderich, Osterath und die Gemeinden des Amtes Lank liegen im Bereich der Ballungsrandzone der Düsseldorfer, die sich immer lauter als "Volk ohne Raum" gebärdeten und immer ungenierter Anspruch auf Territorium links des Rheins erhoben.

Büderich besonders hat keinen Grund, sich Illusionen über Düsseldorfs Annektionspläne hinzugeben. Um diese fashionable Wohngemeinde, in der viel Prominenz von Rhein und Ruhr residiert und die Friedrich Flick zu ihren Bürgern zählt, ringt Düsseldorf schon seit vierzig Jahren, genaugenommen seit der letzten großen Eingemeindungswelle in den Jahren 1928/29.

Damals hatte der Bürgermeister von Büderich zweihundertundfünfzig Tage in Berlin auf der Lauer gelegen, um die Düsseldorfer Absichten zu durchkreuzen. Er mußte sich dafür einen Tadel des staatlichen Rechnungsprüfers gefallen lassen, dem die Dauer des Berliner Aufenthalts und dessen Kosten unangemessen hoch erschienen, gemessen daran jedenfalls, daß Büderich nur zweimal während dieser Zeit auf der Tagesordnung des preußischen Landtages gestanden hatte.

Die Düsseldorfer sind geneigt, ihren damaligen Mißerfolg eher der Vorherrschaft des Zentrums in den benachbarten Landkreisen und im preußischen Staatsrat zuzuschreiben (dessen Präsident der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer war) als der Hartnäckigkeit der Büdericher. Ihr Oberbürgermeister war Robert Lehr. Um eine Anhängerschaft für die Düsseldorfer Vergrößerungspläne zu finden, war er, der keiner Partei angehört hatte, in die Deutsch-Nationale Volkspartei eingetreten. Die Spekulation erwies sich nur als halb erfolgreich. Düsseldorf erhielt zwar Benrath und Kaiserswerth und kam damit nicht ganz so schlecht weg, wie man es heute glauben machen möchte, aber es arrondierte sich niemals so komplett wie das Köln unter Adenauer gelang.

So lange das her ist: in Düsseldorf und Büderich sind diese Ereignisse unvergessen. Mit Recht durften die Büdericher argwöhnen, daß Düsseldorf seine Pläne nur beiseite, aber niemals in den Aktenkeller gelegt hatte. Und nun, als man sich vor der Düsseldorfer Kläranlage traf, konnte der Büdericher Bürgermeister Dr. Franz Schütz, CDU, seit 1947 Mitglied des nordrheinwestfälischen Landtages, die Nachbarn informieren: Falls alle Düsseldorfer Eingemeindungsträume reiften, würde nicht nur Büderich daran glauben müssen, sondern auch Osterath und Teile des Amtes Lank. Falls man nicht zur Landeshauptstadt geschlagen werden wollte – müßte man sich dann nicht etwas einfallen lassen? Und zwar bald?