Früher putschten nur Generäle. Dann waren – zumal in der Dritten Welt – die Christen, an der Reihe. Und heute gelingt es schon Leutnants, die etablierte Staatsgewalt aus den Angeln zu heben.

In Mali, einem der größten und zugleich bevölkerungsärmsten Staaten Westafrikas, hat der unbekannte Leutnant Moussa Traore ein politisches Idol vom Präsidentenstuhl gestürzt: den Präsidenten Mobido Keita. Die Militärjunta unter Traore setzte sogleich einen neuen Ministerpräsidenten ein – er trägt die Rangabzeichen eines Hauptmanns. Beim Umsturz in Mali haben zum siebzehntenmal seit 1963 afrikanische Militärs den Politikern die Zügel aus der Hand genommen.

In der westlichen Welt ist es vielerorts immer noch üblich, derlei Militärputsche mit dem Stigma des politisch Verderblichen zu belegen. Hier werde, heißt es, die Demokratie mit Füßen getreten. Ein so pauschales und moralisierendes Urteil wird indes der nachkolonialen Wirklichkeit nicht gerecht. Vielmehr scheint es heute so, daß die politisch gestaltlosen, gesellschaftlich traditional gebundenen und wirtschaftlich labilen jungen Staaten nahezu zwangsläufig eine Phase autoritärer, weder von Korruption noch von internationalen Ambitionen bedrohter Militärherrschaft durchlaufen müssen. Denn die Armeen präsentieren sich häufig als das einzig verläßliche Ordnungselement.

Manche der großen politischen Führer Schwarzafrikas, die ihren Ruhm zumeist im Kampf um die Unabhängigkeit erworben haben, zeigten sich weniger tüchtig, wenn es darum ging, das nüchterne, entsagungsvolle Geschäft des Regierens und Verwaltens auszuüben.

Der bekannteste von ihnen, Nkrumah, wurde – nachdem er in zehn Regierungsjahren das reiche Ghana wirtschaftlich zerrüttet und unter eine diktatorische Einparteienregierung gezwungen hatte – vor zwei Jahren von Militärs aus dem Lande gejagt. Heute lebt er bei Sékou Touré in Guinea im Asyl.

Nun ist Keita als zweiter dieser drei legendären westafrikanischen Staatschefs von der politischen Bühne gedrängt worden. Auch er war in Sachen Demokratie nicht gerade zimperlich: Ein Spitzelsystem überzog das Land, und die Einheitspartei herrschte unumschränkt. Die Partei aber hatte wiederum nur einen Willen: den Mobido Keitas.

Mit Nkrumah verband Keita auch die Vorstellung, daß die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zukunftsstrukturen ihrer Länder nach kommunistischem Modell gezimmert werden müßten. Er holte östliche Berater ins Land, Sowjetrussen, aber auch viele Chinesen. Unter ihrem Einfluß schied er 1960 aus der Franc-Zone aus – und verlor damit die französische Wirtschaftshilfe. Obgleich andere Gelder kamen, nicht zuletzt aus der Bundesrepublik, ging es mit der Wirtschaft seines ohnehin armen Landes rapide abwärts.

Im vorigen Jahr versuchte Keita das Ruder herumzuwerfen. Fast schien es, als könne die neue wirtschaftliche Annäherung an Frankreich Früchte tragen. Aber politisch war für Keita die Uhr abgelaufen. Ob die Leutnants und Hauptleute, die ihn stürzten, mit seinem Erbe fertig werden, wird sich erst zeigen, wenn sie eines Tages die Macht wieder abgegeben haben – an eine jüngere und nüchternere afrikanische Politikergeneration. H. G.