Von Peter Schritt

Auch die diesjährige Herbsttagung der Gruppe 61 am Bußtag in Dortmund begann wie jedesmal – mit einleitenden Worten, Lesungen und Grundsatzkritik. Aber schon, als Max von der Grün das Schlußkapitel seines neu erschienenen Romans "Zwei Briefe an Pospischiel." verlesen hatte, kam ein bei den Dortmunder Arbeiterschriftstellern ungewohnter rebellischer Optimismus auf: Die Talsohle der proletarischen Literatur schien durchschritten; die Kritiker konnten sich rasch darüber einigen, daß mit von der Grüns Roman endlich ein Werk vorliegt, dessen künstlerische Gestaltung, politische Aussage und bewußtseinsbildende Wirkungsmöglichkeiten allen Ansprüchen, die sich die fortschrittlichen Gruppenautoren bisher gestellt haben, annähernd genügen mußte.

Ungeklärt blieb allerdings die Frage, ob die Leistung nicht zuletzt der Arbeit der Gruppe zuzuschreiben oder der Institution zum Trotz erreicht worden ist. Der Verfasser schwieg sich in dieser Sache aus.

Kaum einer der Teilnehmer war jedenfalls bereit, sich mit den bisherigen Modalitäten, Improvisationen und Zufälligkeiten zwangloser Sammellesungen zufriedenzugeben, und als der offizielle Teil der Tagung nicht ohne einige Mißklänge abgeschlossen war, beschlossen die aktivsten Mitglieder und Gäste, doch noch Nägel mit Köpfen zu machen. Sie einigten sich über die Gründung regionaler Arbeitsgruppen an der Ruhr, in München, Westberlin und Hamburg und vereinbarten in Zusammenarbeit mit dem Dberhausener Arbeitskreis für Amateurkunst den Aufbau eines Koordinationszentrums. Nach dem Vorbild der Arbeiterkorrespondentenbewegung in den zwanziger Jahren will man die Basis der proletarischen Literatur erweitern, mit Unterstützung der Gewerkschaftszeitungen und der linken Publikationsorgane sollen die isolierten Ansätze zusammengefaßt werden, und in den Großstädten möchte man "Schulen für schreisende Arbeiter" ins Leben rufen. Max von der Grün, Erika Runge, Angelika Mechtel, Peter Paul Zahl, Erasmus Schöfer und anderen Autoren der Linken haben der "Gruppe 68" – so nannte der erzürnte Sekretär der alten Gruppe Bernhard Boie voreilig die Sezession – ihre ideelle und organisatorische Unterstützung zugesagt.

Der Unmut der Kritiker hatte sich nicht zum ersten Male an den undurchsichtigen Auswahlkriterien der Gruppenleitung entzündet. Tatsächlich waren die Prinzipien, nach denen drei der sieben geladenen Autoren zur Lesung aufgefordert worden waren, unbegreiflich. Von Harald Mandl, dem leitenden Angestellten eines Wiener Großunternehmens, der aus Geschäftsrücksichten nur unter einem Pseudonym auftritt, wurde in Abwesenheit eine Kleinbürgergeschichte mit mystischem Höhenrausch vorgelesen. Die Scheu des Autors vor dem öffentlichen Erscheinen in Dortmund erwies sich als unbegründet. Er brauchte sich nicht verborgen zu halten, da er die Realität des Klassenkampfes geschickt genug hinter Metaphern und Umschreibungen verbirgt. Liesl Engelhardt trug aus einem unveröffentlichten Romanmanuskript vor, in dem, trotz kabarettistischer Verspottung nationaler Gedenkfeiern, wenig von Ideologie- und Systemkritik zu spüren war. Von der Arbeitswelt war nur in Bildern und Gleichnissen die Rede. Ernst Wiedemann rezitierte ein Kapitel aus dem aufregenden Leben eines Verkäufers, das immer dort witzig wurde, wo es hätte ernst werden sollen.

Im Mittelpunkt der Arbeitstagung standen jedoch die Beiträge Günter Wallraffs, Angelika Mechtels und Erika Runges. Mit ihren Interviews, Protokollen und Reportagen aus dem Alltag der Arbeiterklasse trat eine neue realistische Literatur von Rang auf den Plan, wie sie bisher in Dortmund nicht zu hören gewesen ist. Das dokumentarische Verfahren, das die drei Autoren auf verschiedene Weise, aber mit gleichen Zielen anwenden, entspricht den derzeitigen Erfordernissen einer proletarischen Literatur. Sie sollte helfen, den Tabubereich hinter den Werkstoren zu einem öffentlichen und öffentlich kontrollierten Raum zu machen, und sie muß es als ihre Aufgabe sehen, dem Arbeiter seine eigenen Existenzbedingungen kritisch vor Augen zu führen, damit ihm die Klassensituation bewußt und Notwendigkeit und Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung deutlicher wird.

Günter Wallraff legte der Gruppe 61 seinen Thiele-Report vor. Mit inquisitorischem Eifer unterbreitete er Material zur Enthüllung kapitalistischen Ausbeuterpraktiken und entwickelte in der kontrastierenden Aufeinanderfolge von Beschreibung, Zitat und Zeugenaussage das Modell einer agitatorisch wirksamen Industriereportage. Angelika Mechtel berichtete in ihrer Untersuchung "Keep smiling" über die unterprivilegierte Stellung berufstätiger Frauen in der Elektrobranche. Erika Runge las drei Seitenstücke zu ihren Bottroper Protokollen, mit dem Tonband aufgezeichnete Aussagen, Berichte und Dialoge einzelner von der Stillegung ihrer Zeche betroffener Bergleute, und versuchte den Zuhörern klarzumachen, daß die Stoffe der Arbeiterliteratur auf der Straße liegen. Der Naturalismus ihrer Aufzeichnungen ist freilich in Gefahr, bei bürgerlichen Lesern eher folkloristische Reize auszulösen, und erweckt beim Arbeiter, der nach Anhalts- und Orientierungspunkten sucht, Ratlosigkeit.

Die konsequente Fortentwicklung der dokumentarischen Literatur verspricht, parallel zur Mitbestimmungskampagne der Gewerkschaften, einen konkreteren Praxisbezug als alle bisherigen Versuche zur poetischen Überhöhung des Fließbandes und sichert den Autoren den Einfluß auf das öffentliche Bewußtsein, um den sich die Dortmunder Gruppe 61 bisher vergeblich bemüht hat.