DIE ZEIT

Wut und Würde

Die Große Koalition ist auf Frieden aus – nicht auf Streit. Kein Wunder also, daß viel Eifer aufgewendet wurde, um den „Fall Jaeger“ in die schwarz-rote Decke staatstragender Nächstenliebe einzuhüllen.

Kiesingers Zögern

Kurt Georg Kiesinger liest schon zum Frühstück kritische Pressestimmen mit dem Ingrimm des Unverstandenen. Dabei trifft er in Wahrheit doch auf viel Verständnis – jedenfalls auf mehr, als seinen beiden Vorgängern zuteil wurde.

Kontrolleur Ky

Jahrelang verkündete der südvietnamesische Vizepräsident und Luftmarschall Ky Verhandlungen mit den Vietcong bedeuteten den Untergang des Saigoner Regimes.

Gleiche Chance

Jeder bettet sich, so gut er kann. Damit jedoch der Staat nicht zum latrocinium werde, zur Walstatt ungezügelter Begehrlichkeiten, braucht es eine Instanz, die darüber wacht, daß das Eigeninteresse der Teile nicht die Interessen des Ganzen überwuchert.

Ein abendländischer Fanatiker?

Richard Jaeger kennt und liebt nur die Keule. Das Florett ist ihm fremd, eher verzichtete er auf jeden Anflug von Angriffsgeist.

ZEITSPIEGEL

Das Bundesinnenministerium scheint über die tägliche Lage an der Zonengrenze nur mangelhaft unterrichtet zu sein. Sein Sprecher behauptete im Zusammenhang mit dem Fall Oppermann, daß DDR-Hubschrauber im Grenzgebiet für eine Hilfe bei Unglücksfällen nicht in Frage kämen.

Nachricht aus dem Minenland

Was ist eine Nachricht? Sie soll den Empfänger über fünf Fragen informieren: wer oder was, wann, wo, wie, warum? Etwa: Jemand wirft um fünf Uhr aus lauter Vergnügen einen Stein in den Teich.

Rückfall in die Reaktion

Die Attacken des rechten Flügels der CDU/CSU gegen Gustav Heinemann und Willy Brandts engsten Berater, Botschafter Egon Bahr, haben die Große Koalition in diesen Tagen schwer belastet.

Eine Spritze für die Bundeswehr

Der Bundestag ist in dieser Woche während der Verteidigungsdebatte dazu übergegangen, nach der politischen Beurteilung des 21.

Balance auf dem Balkan

Angeblich wegen Nebels mußte eine chinesische Düsenmaschine am 28. November ihren Flug nach Albanien unterbrechen und auf dem Flughafen von Bukarest zwischenlanden.

Berijas Schatten taucht wieder auf

Es gab keine Debatten im Obersten Sowjet, keine gelenkten Leserbrief-Diskussionen in der Presse und keine ideologischen Scharmützel, wie sie sonst wichtigen Partei- und Regierungsbeschlüssen in der Sowjetunion voraufzugehen pflegen.

Vor dem letzten Gefecht

Es ist ironisch gemeint, und es stimmt doch, was die israelischen Studenten abends in ihrem Bar-Barim-Club singen: "Wenn wir Spazierengehen, sind wir zu dritt – du und ich und der nächste Krieg.

Protest gegen Nichtstun

Eine Welle studentischer Unruhe läuft durch Ägypten. Das Aufbegehren der akademischen Jugend zeigt, daß sich im Untergrund der ägyptischen Gesellschaft neue Kräfte rühren, die das Regime Gamal Abdel Nassers bedrohen.

War Bonn mitschuldig?

Wer diskutieren, demonstrieren, agitieren will, braucht nicht auf die Straße zu gehen, auf Barrikaden zu steigen, Säle zu stürmen.

ELDO in der Krise

Während Amerikaner und Sowjets ihre Superraketen bereits zum Mondschuß richten, mußte Europa seine bescheidenen Weltraumträume am vorigen Wochenende wieder einmal begraben.

Hochspannung in Nahost

Die Israelis zählten bis fünfzig, dann schlugen sie hart zurück: Am vorigen Wochenende stieß ein Kommandotrupp weit auf jordanisches Gebiet vor und zerstörte eine Straßen- und eine Eisenbahnbrücke südöstlich des Toten Meeres.

Namen der Woche

Henry Kissinger (47), deutschstämmiger Harvard-Professor und Berater der US-Präsidenten Eisenhower, Kennedy und Johnson, wurde von deren Nachfolger Nixon zum Berater in Fragen der nationalen Sicherheit ernannt.

Prag testet Moskau

Die Prager Führung will testen, ob sich auch die Sowjets an die Moskauer Abmachungen über eine „Normalisierung“ in der ČSSR zu halten gedenken.

Manöver in Rumänien?

Unabhängig voneinander haben am vorigen Wochenende der rumänische und der jugoslawische Parteichef die Breschnjew-Doktrin von der begrenzten Souveränität der sozialistischen Länder im Kampf gegen den Imperialismus zurückgewiesen.

Von ZEIT zu ZEIT

Die Bonner Kontroverse um die Kritik des Bundestagsvizeprä- sidenten und CSU-Abgeordneten Richard Jaeger an Justizminister und SPD-Präsidentschaftskandida- ten Gustav Heinemann konnte nur mit Mühe beigelegt werden.

Bonner Kleinkrieg

Bis zum Dienstagabend schien die Kontroverse zwischen dem CSU-Abgeordneten Richard Jaeger und der SPD einem Eklat entgegenzusteuern.

Johnson will Gipfeltreffen

Präsident Johnson will den „Geist von Glassboro“ wiederbeleben und möglichst noch vor dem Ende seiner Amtszeit (20. Januar) mit der sowjetischen Führung auf einer Gipfelkonferenz zusammentreffen.

Atomarer Offenbarungseid

Unter den Sparmaßnahmen, die Frankreichs Regierung zur Stützung des Franc beschließen mußte, sind die Kürzungen am Verteidigungshaushalt besonders aufschlußreich.

Märchenerzähler als Eulenspiegel

In Landesbischof Liljes Intelligenzler-Eremitage Loccum platzte die Sensation, von der wenig zuvor noch der Spiegel geschrieben hatte, bei ihr handele es sich um eine „Entdeckung, die im Bereich der modernen Malerei keine Parallele hat“.

Recht in unserer Zeit: Predigender Polizist

Der Kläger, wohnhaft in einer oberfränkischen Kleinstadt, ist dienstlich Polizeibeamter. Zivil ist er Zeuge Jehovas. Nach vollbrachtem „Polizeivollzugsdienst“ zieht er die Uniform aus und wird privat: statt für Ruhe und Ordnung sorgt er nun für die Missionierung seiner Mitbürger.

Das Saarbrücker Zeitungskarussell

Die „Saarbrücker Zeitung“ ist weiter im Gespräch. Seit das Blatt mit seiner respektablen Auflage von 162 000 Exemplaren durch die Saarregierung zum Verkauf angeboten wird, hat es an finanzkräftigen Interessenten nicht gefehlt.

Hamburgs Kuh-Damm

Dank der Großzügigkeit der Hamburger Baubehörde und des Einfallsreichtums der Staatlichen Hochschule für bildende Künste wird den Passanten des Jungfernstiegs und des Ballindamms der Anblick eines langweiligen, kahlen Bauzauns vor „Europas größter Baustelle auf kleinstem Raum“ fortan erspart bleiben.

Gamsbart und Oder-Neiße

Ludwig Max Lallinger, Sohn des niederbayerischen Viehhändlers Markus Maximilian Lallinger und mit sechzig Jahren der letzte Recke der von ihm gegründeten Bayernpartei, wurde wiedergewählt.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

„Avantgarde“ – Kompositionen von Allende-Blin, Bedford, Berio, Globokar, Kagel, Kopelent, Ligeti, Lutoslawski, Mayuzumi, Mellnäs, Penderecki, Roque Aisina, Stockhausen; Deutsche Grammophon Gesellschaft 104 988/93, Subskriptionspreis bis zum 31.

ZDF:: Nicht von Mark Twain

Roland Demongeot und Marc di Napoli heißen sie, sind junge Franzosen und spielen den Tom und den Huck in dem vierteiligen Fernsehfilm „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“.

Sie sollen wieder unmündig werden

Langsame und sorgfältig getarnte, aber systematische Angriffe gegen einzelne Details der Reformtheorien; nach und nach sich steigernder Druck auf die Reformpolitiker und geschickt inszenierte Isolierung der Zentralfiguren; psychologische Unterwanderung der Reformbewegung, wobei mit folgenschwerer Bestrafung gedroht wird, je leiser und geheimer, desto wirksamer; das alles unter ständigem Hinweis auf die notwendige Einheit innerhalb des ideologischen Lagers – das sind die Methoden, mit denen der Vatikan die Reformbestrebungen des holländischen Katholizismus und seine deutschen Ableger bekämpft.

Fernsehen Ostberlin:: Aufhaltsamer Aufstieg des Alexander Cäsar S.

Es war einmal ein Mann, der wünschte sich von Herzen einen Sohn. Je länger er aber warten mußte, desto größer wurden die Wünsche, die er mit dem Stammhalter verband, und als ihm dieser endlich geschenkt wurde, da gab er ihm die Namen zweier großer Männer der Geschichte: Alexander und Cäsar.

FILMTIPS

„2001: Odyssee im Weltraum“, von Stanley Kubrick. Es hat noch keinen Multimillionendollarfilm gegeben, der so abstrakt und so faszinierend Kino war und nichts als Kino; noch nie in der Geschichte des Multimillionendollarfilmgeschäfts hat ein Filmemacher so viel Geld so konsequent zu seinem eigenen Vergnügen ausgegeben.

Brecht verpopt

Daß man die Brechtschen Stücke nicht immer so aufführen mag, wie es beim Berliner Ensemble der Brauch ist, haben westliche Bühnen längst zu erkennen gegeben.

ARD:: Aus dem Nasenloch gepfiffen

Nicht so war das gemeint: Laßt die Finger von der Bierflasche, ihr Deutschen! Sondern so: Sie trinken schon wieder Bier und kommen auf dumme Gedanken.

Alles oder nichts

Von einem Klavierspieler, der, sagen wir, ein Nocturne von Chopin spielt, ließe sich mancherlei sagen. Zum Beispiel könnte da ein Musikkritiker auftreten und feststellen, daß der Klavierspieler das Nocturne zu zart, zu schnell, zu grob, zu romantisch, zu unromantisch, zu technisch, zu gefühlig spiele.

Kunst als Ware:: Totgeborene Sätze

Einige Mitglieder der Wochenzeitung DIE ZEIT finden die Ausführungen der SDS-Gruppe "Kultur und Revolution" völlig falsch, andere wieder halten sie für teilweise richtig.

Die große Liquidierung

Von einem Darsteller der Bürgerrolle wird vermutlich erwartet, daß er die Thesen zum Thema „Kunst; als Ware der Bewußtseinsindustrie“, in der vorigen Ausgabe der ZEIT von der Berliner SDS-Gruppe „Kultur und Revolution“ vorgelegt, betroffen samt und sonders zurückweist.

Kunstkalender

Paul Wember hat Tinguely 1960 in Krefeld ausgestellt, er stand damals auf der Höhe seiner Blitzkarriere: „Homage to New York, machine-happening-autodestructive.

Medea und Wittgenstein

Als Paolozzi 1960 an die Hamburger Kunsthochschule kam, ging er mit seinen Schülern auf Schrottsuche im Hafen. Autofriedhöfe wurden ausgeschlachtet.

Hie Natur-, da Geisteswissenschaften

Die Universität sieht sich heute in die Lage eines Patienten versetzt, um dessen Krankenbett in Erwartung der bevorstehenden Krise gute und auch weniger gute Freunde versammelt sind: mit Betroffenheit und Besorgnis die einen; mit nur schlecht verhohlener Schadenfreude die anderen.

Tod in Ulm

Als im vergangenen Winter das baden-württembergische Kabinett und die Geschwister-Scholl-Stiftung beschlossen, die krisenfreudige Ulmer Hochschule für Gestaltung der Ulmer Ingenieurschule anzugliedern, drohten Dozenten und Studenten mit Selbstauflösung.

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