Von Ernst Stein

Was ist Satire – besser gefragt: was gilt allgemein dafür? Keine andere literarische Form entzieht sich so proteisch der Definition. Mit Schillers hochgesinntem Gemeinplatz vom Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit kommen wir nicht weiter als bis zu der Frage, ob denn dieser Widerspruch nicht in aller Kunst am Werk sei. Satire ist auf den ersten Blick erkennbar, auf den zweiten nicht mehr. Meist wird sie mit der Karikatur, der Parodie, dem Humor überhaupt verwechselt, am häufigsten aber mit der Polemik. In ihren großen Momenten wächst sie über sich hinaus ins Zeitlose. Niemand denkt beim „Don Quijote“ mehr daran, daß er eine aktuelle Satire gegen die Ritterromane war. Was übrigens die Ritterromane betrifft, so blieben sie in Mode nach wie vor.

Vielleicht gehört gerade das zum Wesen der Satire: die Erläßlichkeit der praktischen Wirkung. Die Polemik braucht den sichtbaren Erfolg; mißlingt ihr die Absicht, Übelstände aufzudecken, Schädlingen das Handwerk zu legen, Scheingrößen zu entzaubern, dann ist mit der gerechten Sache auch das literarische Gaudium verfehlt worden. Die Satire hingegen erfüllt ihre Sendung, wenn sich im Kampf gegen die Umwelt – und er muß nicht einmal gerecht sein – die Persönlichkeit des Angreifers entfaltet, so selten er auch etwas erreicht. Darum behält das Werk Gültigkeit, wenn der äußere Anlaß längst vergessen ist.

Große Satiriker sind selten, und nicht alles, was den umfangreichen Sammelband

„Hieb und Stich“ – Deutsche Satire in 300 Jahren, herausgegeben und mit einem Nachwort von Heinrich Vormweg; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 483 S., 26,– DM

füllt, ist gut, und nicht alles ist Satire. Es ist ein anregender Rundgang durch das Zeughaus der Literatur in Harnisch. Manche der Waffen müssen schon stumpf gewesen sein, als sie noch neu waren.

Die ersten paar Seiten, Vers und Prosa vor 1700, veranschaulichen, was für hanebüchene Zoten das Spätbarock als galante Poesie vertrug und wie viele mesquine Züge des deutschen Humors es auf dem Gewissen hat. Weniger gefaßt ist man darauf, bei Wieland (in seinem berühmtesten Roman, den „Abderiten“) auf eine unverzeihliche Geschmacklosigkeit, einen Mangel an Stubenreinheit zu stoßen; aber er wurde meist von allen guten Geistern verlassen, wenn er, zum hundertstenmal, von einem schönen Busen zu schwärmen begann. Welch ein herzhaftiger Rettig war dagegen Goethes anhänglicher Jugendfreund Lenz, der tragische Vorläufer Büchners und Brechts, der in seiner kraftgenialischen Satire und Selbstdarstellung „Pandämonium Germanikum“ ungescheut mit den Großen der Weltliteratur parliert.