Es ist eine der süßesten Erinnerungen meines Lebens, wenn ich an die Weihnachtsabende denke, die ich mit meinen Geschwistern, meinen Eltern, dem ganzen Hause feierte. An dem Tage ließen meine Eltern auch das Gesinde nicht leer ausgehen; die letzte Magd mußte sich freuen, denn es herrschte im Hause die eine Empfindung: das Heil ist unser aller!"

So schrieb Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, ein Freund Goethes und des Göttinger Hain-Bundes, über die Sitte der Weihnachtsgeschenke.

Aus den vielen Geschichten des Heiligen Abends seit Johann Heinrich Jung-Stilling (resp. Johann Gottfried Seume, resp. Herder, resp. Goethe) bis zu Rudolf Kinau (resp. Karl Heinrich Waggerl, resp. Manfred Hausmann, resp. Heinrich Böll) ist außer Stifters "Bergkristall" die Bescherungsszene in Thomas Manns "Buddenbrooks" am geläufigsten – Geschichten aus der Groß-Familie.

Die Groß-Familie gibt es seit einem halben Jahrhundert nicht mehr. Aber der Tannenbaum grünt über Revolutionen, Kriegen und Bombennächten weiter. Sein Kleid "lehrt die Hoffnung Beständigkeit". Nur wird diese Hoffnung auf allen Geschäftsstraßen der Welt von Jahr zu Jahr lauter und greller ausgerufen. Und mühsam wuchten der Vater, die Mutter, das Kind Gaben für die kaum noch stille Nacht ins Heim.

Ist dann die fröhliche, selige, gnadenbringende Weihnachtszeit überstanden, wacht einsam das überforderte Paar über Ratenzahlungs-Plänen – während Baby im lockigen Haar die neue Sprechpuppe an sich drückt.

Glückliche Mary und glücklicher Joe, wenn sie die Wochen bis zum nächsten Hoch-Fest, bis zu Ostern, schaffen – ohne Zahlungsbefehl auf der Stotterstrecke. Alle Jahre wieder das gleiche Lied, das gleiche Leid. Ekkehard Roth