Die kleine Stadt und ihre Ehrenamtlichen DRK im Rentnerzug von Buchen nach Hamburg Ist „Goodwill“ heute zur Ware geworden? Die Sorgen der Kirche Anlaß zum Optimismus

Von Lilo Weinsheimer

Mölln, die Till-Eulenspiegel-Stadt, und Ratzeburg, die Kreisstadt im heute noch so genannten „Herzogtum Lauenburg“, zehn Autominuten dicht beieinander, liegen in sanfter Fehde: Jede möchte die Palme der Schönheit, der touristischen Anziehungskraft und des pulsierenden Gemeindelebens für sich beanspruchen. In den beiden kleinen Städten, jeweils rund fünfzehntausend Einwohner, suchte und fand ich Ehrenämter zuhauf.

Regiert wird jede Stadt von einem Hauptamtlichen, dem Bürgermeister, und einem Ehrenamtlichen, dem Bürgervorsteher. In Mölln sind es Bürgermeister Lutz, gelernter Jurist, und Bürgervorsteher Jeckstadt-Borchert, gelernter Installateur. Lutz arbeitet im alten Rathaus; Jeckstadt-Borchert regiert ehrenhalber ohne feste Residenz und überall“, nach seinen eigenen Worten, „wo es was zu tun gibt“. Der tüchtige Handwerker, so erzählt man sich in Mölln, sei Millionär.

Die rege Bautätigkeit in der Stadt und die Anlage großzügiger Kur- und Kneippanlagen sind am Privatbetrieb des 54 Jahre alten Installateurs nicht spurlos vorübergegangen. Die Möllner nehmen ihm das nicht übel. Sein Wohlstand, meinen sie, sei der im Schweiß verdiente Lohn für außerordentliche Aktivität. Bürgermeister Lutz ließ keinerlei Bereitschaft zu einem Kommentar erkennen, als er bei einer Rundfahrt auf die Besitzerin eines neuen Häuserblocks hinwies: „Der gehört der Frau unseres Bürgervorstehers.“

Zeitraubende Amateure

Nach dem Kriege war Karl Jeckstadt-Borchert mit einem Pappkarton nach Mölln gekommen. Er trat der CDU bei, entwickelte Ideen- und Initiative und wurde in das höchste lokalpolitische Ehrenamt gewählt. Wie aber funktioniert die Zusammenarbeit zwischen einem Hauptamtlichen und einem Ehrenamtlichen, von denen keiner dem anderen vorgesetzt ist? Bürgermeister Lutz, im korrekten Habitus des Beamten, und der Handwerker Jeckstadt-Borchert in Arbeitskluft („Ich bin schnell von einer Baustelle weggerannt und muß gleich wieder hin“) waren im Rathaus mir gegenüber einer Meinung: Man arrangiert sich; jeder respektiert das Revier, des anderen. Kompetenzenstreit? Nein, den gibt es nicht; es geht immer um die Sache, und die Sache ist Mölln.