Von Willi Bongard

Die einhundertachtzig Zentimeter hohe hölzerne Madonna im goldenen Gewand, das Jesuskind auf dem Arm, bewahrte als einzige die Ruhe und blickte gelassen, herab auf das sichtlich irritierte Publikum im Auktionssaal des traditionsreichen Kölner Kunsthauses Lempertz.

Wenige Stunden zuvor hatte Dr. Hanstein, der Lempertz-Inhaber, seinen Auktionshammer fallen lassen und den Zuschlag für das selten schöne, gotische Bildwerk der „Ollesheimer Madonna“ (Köln, um 1300) mit 320 000 Mark erteilt. Das war der höchste Preis, der bis dahin auf einer deutschen Nachkriegsauktion für eine Plastik erzielt werden konnte. Um so überraschender – für nicht Eingeweihte – war der Kommentar des Auktionators: „Da kann man nur weinen.“

Die „Ollesheimer Madonna“ (so benannt, weil sie bis zur Auktion die Kapelle zu Ollesheim in der Pfarrgemeinde Nörvenich bei Düren geziert hatte) war die einzige Auktionsnummer des für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich großen Kunstangebots der 500. Lempertz-Auktion, die im Katalog statt eines Schätzpreises mit drei Sternchen ausgezeichnet war – auf den ausdrücklichen Wunsch einer vielköpfigen Erbengemeinschaft hin, die sich dieser Madonna zu einem Höchstpreis entledigen wollte, der durch einen Taxwert nicht unnötig eingeengt werden sollte.

Den Einlieferern dürfte wohl bekannt gewesen sein, daß das Kölner Schnüttgen-Museum, dessen Schriftführer Dr. Hanstein ist, bis zum Preis von 280 000 Mark zu gehen gewillt war. Aber vielleicht gab es jemand, der diesen Preis noch überbieten würde ...

Tatsächlich wurden die 280 000 Mark zunächst noch um 20 000 Mark überboten – und im nächsten Augenblick sogar noch um weitere 20 000 Mark auf 320 000 Mark hochgesteigert. „Einmal, zweimal, dreimal“, und Dr. Hanstein, dem der Verbleib der Madonna zweifellos am Herzen lag, schien den Tränen nahe, als er einer Dame den Zuschlag erteilte, die den längsten finanziellen Atem zu haben schien.

Allein, der Schein trog. Die Dame – wer war diese Dame? – verweigerte ihre Unterschrift, als ihr das Auktionspapier vorgelegt wurde, und beteuerte, daß sie „so weit nicht“ habe gehen wollen. Daraufhin blieb Dr. Hanstein nichts anderes übrig, als die Madonna zum zweiten Male auszubieten – in Anbetracht der Summe, die hier zur Diskussion stand, ein unerhörter Vorgang, der das Auktionspublikum mit Recht in Staunen versetzte und eine allgemeine Unruhe hervorrief.