Ein Tier, das seit fünfzehn Jahren, als in freier Wildbahn ausgestorben galt, wurde wiederentdeckt: ein Stammvater unserer Hauspferde, das Przewalski-Pferd. In der salzigen Hochsteppe der Dsungarei, einem zentralasiatischen Gebiet der Mongolischen Volksrepublik zwischen Altaigebirge, dem Tien-shan-Gebirge und der Wüste Gobi, stieß Dr. Zoltan Kaszab auf einen Przewalski-Hengst und sieben Stuten. Die Tiere flohen mit so schnellem Tempo, daß die Expeditionsmitglieder des Budapester Naturkundemuseums mit ihrem Geländewagen nicht folgen konnten. Dennoch gelangen Dr. Kaszab Photos, die einwandfrei beweisen, daß es sich um Przewalski-Pferde handelte. Dies berichtet jetzt die deutsche World-Wildlife-Fund-Organisation "Natur in Gefahr".

Einst donnerte der Hufschlag gewaltiger Wildpferdherden über die endlosen eurasischen Ebenen von der Wolga bis zur Mongolei. Während der Eiszeit bevölkerten sie sogar die eisfreien Gebiete Mittel- und Westeuropas sowie das damals grüne und klimatisch milde Nordafrika.

Indessen wird die Wissenschaft nie mehr beweisen können, ob das kleine, aber sehr robuste Przewalski-Pferd (1881 nach seinem zoologischen Beschreiber benannt) mit den ebenso kleinen und robusten Mongolen-Pferden identisch ist, auf deren Rücken seinerzeit die Hunnen weit bis nach Europa vorstürmten. Sie überrannten alle Fußtruppen der Ost- und Westgoten. Der in Gallien stehende römische Feldherr Aetius wußte, daß es gegen diese neue Waffe nur ein Gegenmittel gab: ein größeres Pferd. So rüstete er seine Truppen und die zu ihm strömenden Westgoten und Gallier mit höher gewachsenen, kräftigeren Pferden aus, die dem heutigen Trakehner ähnelten.

Damit kam es im Jahre 451 zur Hunnenschlacht auf den Katalaunischen Feldern beim heutigen Châlon-sur-Marne. Historiker glauben, nicht die mongolischen Reiter hätten die Schlacht verloren, sondern ihre Pferde. Angesichts des Ansturmes der großen Pferde des römischen Heeres wären die kleineren Mongolenpferde einfach davongerannt.

Über die Jahrhunderte hinweg schienen die Steppen der Mongolei ein unerschöpfliches Reservoir zum Einfangen immer neuer Wildpferde zu sein. Doch in unserem Jahrhundert versiegte dieser Quell. Aus den Jahren 1942 bis 1945 wird noch über einzelne Pferdefänge der Mongolen berichtet. Als die Tiere daraufhin unter Schutz gestellt wurden, waren sie in ihrer Heimat bereits so gut wie ausgestorben. 1948 sah eine sowjetische Expedition noch eine Herde von sechs Przewalski-Pferden. Danach blieben alle Nachforschungen ergebnislos, auch die größeren wissenschaftlichen Suchunternehmungen der Jahre 1955 und 1957.

Damals faßten Zoologen auf internationaler Ebene einen großartigen Plan. Zum Glück gibt es in mehreren europäischen und amerikanischen Zoos, insbesondere in München-Hellabrunn und in Prag, noch einige Przewalski-Pferde. Sie stammen alle von nur drei Zuchtpaaren ab, die Carl Hagenbeck um 1900 aus der Mongolei mitbrachte. 1960 gab es dort insgesamt 60 Tiere. Heute haben sie sich bereits auf 150 Exemplare vermehrt. In Kürze sollen einige von ihnen auf einer Insel im Aralsee in völliger Freiheit ausgesetzt werden und den Grundstock zu einem einzigartigen Wildpferd-Reservat legen. An diesem Plan wird auch die erfreuliche Wiederentdeckung der Przewalski-Pferde in der Mongolei nichts ändern. Vitus Dröscher