Mit zurückhaltendem Schweigen pflegen die „ehrbaren“ Kaufleute der Hansestadt Hamburg die Silvesteransprachen des Präses ihrer Handelskammer zu quittieren. Doch ein Wort kann sie aus der Ruhe bringen: Handelsboykott.

In offener Szene spendeten sie Präses Rolf Stödter Beifall, als er ihnen aus der Seele sprach: „Die Einbeziehung der Bundesrepublik in die Boykottmaßnahmen gegenüber Staaten, zu denen sie im Grundsatz in freundschaftlichen Beziehungen steht, muß Bedenken begegnen ...“

Ohne Schonung des britischen Generalkonsuls nannte Stödter Rhodesien beim Namen, dachte aber zugleich an Israel.

Das geschah an der Schwelle zum Jahre 1967, als sich die Bundesregierung anschickte, die ersten, von der UN beschlossenen Sanktionen gegen das Smith-Regime auf dem Verordnungswege einzuführen. Heute könnte der Präses frenetischen Beifalls sicher sein, denn die Eskalation des Boykotts hat inzwischen Fortschritte gemacht:

  • Durch den Druck der afro-asiatischen Länder gerieten Ian Smith und sein 4,2-Millionen-Volk unter den totalen Boykott der UN-Mitglieder und ihrer Anhänger. Auch deutschen Händlern stehen nur noch illegale Handelswege nach Salisbury offen. Jedes Geschäft mit der weißen Insel im schwarzen Zentrum Afrikas hat die Bundesregierung von Genehmigungen abhängig gemacht, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, seit November letzten Jahres nicht mehr gegeben werden.
  • Der tägliche Grabenkampf im 18 Jahre alten Israel-Boykott der Araber droht wieder aufzuleben, nachdem israelische Kampftrupps 14 arabische Flugzeuge auf dem Beiruter Flughafen in Schutt und Asche gelegt haben. Kaufleute, die mit Arabien handeln, richten sich auf verschärfte Pressionen der arabischen Liga, oder besser ihres berüchtigten Boykottbüros in Damaskus ein. Zweimal im Jahr beruft es eine Geheimkonferenz ein, die darüber befindet, ob eine ausländische Firma wider den Geist des Boykotts verstoßen habe und auf die schwarze Liste gesetzt werden soll.

Für die Bundesregierung sind die Sanktionen gegen Rhodesien und gegen Israel zwei Paar Schuhe. Gegen Smith haben die Vereinten Nationen formales UN-Recht gesetzt, das von Bonn respektiert wird. Illegal nach Völker- und UN-Recht ist dagegen der Israel-Boykott, soweit er neutrale Länder mit einbezieht. Für die Bundesregierung existiert er daher offiziell nicht.

Händler und Kammern machen diesen Unterschied verständlicherweise nicht. Für sie ist alles vom Übel, was mit Boykott zusammenhängt. Dr. Günther Jantzen von der Handelskammer in Hamburg: „Wir sind gegen jeden Boykott, in den neutrale Dritte mit einbezogen werden, gleichgültig, ob er von den Vereinigten Staaten über Nordkorea, Kuba oder Nordvietnam, ob er von der UN über Rhodesien oder von den Arabern über Israel verhängt wird. Neutralität wird dann zur leeren Formel, wenn jeder unbeteiligte Staat in einen Streit zwischen Staaten hineingezogen und praktisch zur Parteinahme gezwungen wird.“

Der Handel unterschreibt dies mit vollem Herzen und mokiert sich darüber, daß Bonn in allen Nachkriegsboykotts zu willfährig war und sich stets als allzu getreuer Musterknabe gegenüber seinen Verbündeten erwiesen hat. Unrühmliches Beispiel ist das Röhrenembargo gegenüber den Russen. Auf Vorstellung von Bonn brachen die deutschen Röhrenlieferanten ihre Verträge und lieferten nicht. Dafür brachen die Briten das Embargo und lieferten an Stelle der Deutschen.

Bonn tat aber nichts in Sachen Israel-Boykott, um deutschen Firmen gegenüber den Pressionen der Araber den Rücken zu stärken, ebenfalls aus politischer Rücksichtnahme. Das Ergebnis ist wenig erfreulich.

Nach keineswegs vollständigen Informationen der Bundesstelle für Außenhandelsinformation in Köln stehen heute mindestens dreihundert deutsche Firmen und achthundert Schiffe auf dem Index der Araber, weil sie mit Israel „kollaboriert“ haben. Darunter befinden sich Namen wie das Bankhaus Brinckmann Wirtz & Co und Bank für Gemeinwirtschaft.

Die Liste wäre noch länger, wenn viele Handelsfirmen sich nicht dem Druck der Araber gebeugt und formal alle Bedingungen erfüllt hätten, die von ihnen verlangt werden. Anders läßt es sich kaum erklären, daß zum Jahresende eine Reihe von Firmen und Schiffen wieder von der Liste gestrichen worden ist.

Die Geschichte des arabischen Israel-Boykotts ist ein treffliches Beispiel dafür, wie Kaufleute ohne den Schutz der eigenen Regierung in die Mühlsteine fremder Politik geraten.

Die Pression beginnt meist mit einem Brief, der unvermittelt in das Handelshaus flattert. Absender ist in der Regel das zentrale oder eines der dreizehn regionalen Boykottbüros. Der Empfänger wird davon informiert, daß man verläßliche Informationen über seinen Umgang mit Israel habe. Nach weiteren Präliminarien über den arabischen Kriegszustand mit Israel und den Boykott als „Maßnahme der Selbstverteidigung“ kommt man zur Sache, das heißt zum Ultimatum in Gestalt eines Fragebogens, der ausgefüllt und beglaubigt innerhalb von drei Monaten zurückgeschickt werden soll. Geschieht das nicht, so gibt es einen neuen Anwärter für die schwarze Liste.

Die Fragen charakterisieren zugleich die „Verstöße“ gegen den Boykott. Danach kommt jeder auf den Index,

  • wer eine Firma, Niederlassung oder Agentur in Israel betreibt,
  • wer israelischen Firmen Patente, Handelsmarken oder Copyrights verkauft,
  • wer an israelischen Firmen beteiligt ist,
  • wer einen Israeli technisch oder kaufmännisch berät,
  • wer israelische Gesellschaften innerhalb und außerhalb Israels vertritt oder israelische Waren ausstellt,
  • wer Mitglied einer israelischen Handelskammer im Ausland ist,
  • wer den sechszackigen Davidstern oder andere israelische Handelsmarken als Werbung benutzt.

Diese Aufzählung ist nicht einmal vollständig. Sie verschweigt, daß Firmen schon dann auf die schwarze Liste kommen können, wenn ein Jude Mitglied des Direktoriums ist oder wenn sie an jüdischen Messen, etwa in Haifa, teilnehmen.

Welche Blüten in diesem Gestrüpp treiben können, hat die Füllhalterfirma Mont Blanc erlebt. Ihr uraltes Markenzeichen auf dem Kopf des Füllers, ein stilisierter Gletscher des Mont Blanc, entpuppte sich in den Augen der Araber als ein Davidstern. Konsequenz: Mont Blanc

mußte den Gletscher zu einem formlosen weißen Fleck schrumpfen lassen, damit sich kein nationalbewußter Araber von einem Israel-Emblem belästigt fühlt.

Mont Blanc hat aber noch eine Klippe zu überwinden, ehe es seine entschärften Füller in Arabien landen kann. Sie müssen möglichst von einem Schiff transportiert werden, das keinem Israeli gehört oder auf derselben Reise einen israelischen Hafen anläuft und schon gar auf der schwarzen Liste steht. Anderenfalls wird nicht entladen. Obendrein verlanget die Araber noch für alle geforderten Erklärungen Beglaubigungen von offiziellen deutschen Stellen. Und sollte eine Firma in dem einen oder anderen Punkte „gefehlt“ haben, so muß eine feierliche Erklärung der Besserung herbei, die wiederum beglaubigt werden soll.

Ein Wust von Fallen und Stricken, in die sich noch weit mehr Firmen als bisher verlangen müßten, wenn die Araber peinlich nach ihrer „Ordnung“ vorgingen und ihnen jede Forderung erfüllt würde. Beides ist nicht der Fall. „Wenn sie etwas brauchen, dann kaufen sie, ohne Rücksicht darauf, ob eine Firma auf der schwarzen Liste steht oder nicht.“ Diese Meinung ist nicht nur in der hamburgischen Handelskammer zu hören, sondern auch in jenen Handelshäusern, die je einen Fuß in Israel und im arabischen Markt haben: „Wenn es darauf ankommt, wird ein Auge zugedrückt.“

Dies ist ein Grund dafür, warum die Araber selbst soviel Geheimnis um den Umfang und die Durchführung ihres Boykotts machen. Einigkeit in der arabischen Liga ist nur eine Fama. Im Libanon zum Beispiel ist man großzügiger mit dem Umgang der Sanktionen als beispielsweise in Syrien.

Als einzige hierzulande haben sich die Handelskammern und ihre Spitzenorganisation, der Deutsche Industrie- und Handelstag, für einen Widerstand stark gemacht. Sie lehnen jede Beglaubigung all der diskriminierenden Erklärungen ab, mit Ausnahme der üblichen Ursprungserklärung: „Wir sind keine Boykottgehilfen der Araber.“

Das hat manches Außenhandelsunternehmen ebenfalls zur Härte gegenüber den Arabern veranlaßt, zum Teil offenbar mit Erfolg. Viele aber sind den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, haben die Erklärungen abgegeben und sich alles von privaten Notaren beglaubigen lassen; wohl wissend freilich, daß feierliche Beteuerungen im Orient nicht einen so hohen Börsenwert haben wie in der europäischen Welt. Sie spielen das Versteckspiel mit und finden dennoch einen Weg, ihren Handel mit Israel aufrechtzuerhalten. Auf diese Weise nimmt der deutsche Handel mit dem Nahen Osten ständig zu.

Der Boykott gegen Israel ist und wird ein Schlag ins Wasser bleiben. Israel geht dadurch nicht in die Knie. Selbstbewußt erklärte der israelische Außenminister Abba Eban Mitte dieses Jahres: „Der 20 Jahre dauernde organisierte arabische Boykott hat die Entwicklung der israelischen Wirtschaft weder zu verhindern noch zu beeinträchtigen vermocht.“

Doch über dem ganzen Nahost-Handel liegt eine Decke des Mißtrauens und der politischen Erpressung. Wer bei Firmen oder Verbänden das Wort Israel-Boykott in den Mund nimmt, stößt zuerst einmal auf Schwaigen. keiner, der sich im Nahen Osten engagiert, möchte sein Geheimnis preisgeben wie er auf zwei Hochzeiten, auf der israelischen und der arabischen, zur gleichen Zeit tanzt.

Um der Geschäftsbeziehungen willen schweigt man, läßt sich zuweilen formal erpressen und mutet den Israelis Geschäfte unter der Hand zu, damit der Boykott-Schein gewahrt bleibt. Die Methode, unter der eigenen Flagge den arabischen Markt mit etwa 80 Millionen Menschen zu beackern, in dem kleinen 2,5 Millionen Einwohner zählenden Israel aber unter gecharterter Flagge aufzutreten, hat in Tel Aviv oder Jerusalem schon böses Blut gemacht.

Die Israelis sind der Meinung, daß dieser unerquickliche Zustand verbessert werden könnte, und zwar durch mehr Rückgrat der Bundesregierung. Der „Sündenfall“ von Thyssen und Mannesmann, die Stahlrohre nach Ägypten angeblich nur unter der Voraussetzung verkaufen konnten, daß sie anfangs die Regeln des Boykotts bestätigten, wäre nach Meinung der Israelis nicht passiert, wenn die Bundesregierung mehr Courage gezeigt hätte. In der Handelskammer in Hamburg schiebt man einen Teil der Schuld aber auch den Firmen zu, viele hätten sich von dem arabischen Motto zu sehr ins Bockshorn jagen lassen: „Die Freunde meiner Feinde sind meine Feinde, und die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde.“

Das Rezept: Weniger nachgiebig sein. Schließlich bleibt auch Israel nicht untätig, wenn sich ein ausländisches Unternehmen vollends auf die Boykottregeln einläßt und sogar allen künftigen Verbindungen mit Israel abschwört. Vor mehr als Jahresfrist meldete ein Informationsdienst in Bonn, Israel habe ebenfalls eine sogenannte Sperrliste. Dr. Naor, Pressechef der israelischen Botschaft in Bonn, heute dazu: „Israel hat keine Sperrliste. Doch in allen Fällen, in denen uns etwas bekannt wird, sprechen wir die Firma an, um sie vor ihrem Vorhaben zu warnen.“ Für den Fall, daß sie nicht einlenke, benachrichtige man die ausländischen Kunden der Firma. „Einen Boykott lehnen wir ab.“ Diesem Satz ist nichts hinzuzufügen.