Von Uwe Nettelbeck

Noch ein Weilchen, und es wird ein Paperbackdaraus: "Kunst als Ware", herausgegeben von Rudolf Walter Leonhardt; Christian Wegner Verlag, Hamburg; 172 S., 9,80 DM.

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Aus einer Rezension: Für alle, denen sich die Notwendigkeit gezeigt hat, Kunst und Gesellschaft in ihrem wechselseitigen Verhältnis näher zu definieren; denn Kunst ist gesellschaftlich, und die Beschäftigung mit der Kunst ist nicht denkbar ohne die Beschäftigung mit der Gesellschaft.

Es enthält die teilweise erweiterten und überarbeiteten Beiträge zu einer Diskussion, die vor anderthalb Jahren mit der Projektgruppe "Kultur und Revolution" des Berliner SDS zwischen Fachleuten geführt wurde: das Manifest "Kunst als Ware der Bewußtseinsindustrie", die Glosse "Alles oder nichts" von Hellmuth Karasek, Peter Handkes "Totgeborene Sätze", den Aufsatz "Die große Liquidierung" von Dieter E. Zimmer, den berühmten offenen Brief Peter Hamms an Peter Handke (Lieber Peter! Wie konntest Du! Um nicht zu sagen: es bestürzt mich! Herzlichst, Dein Peter), ein Aktionsprogramm der Projektgruppe "Kultur und Revolution", Hellmuth Karaseks Auseinandersetzung mit Hans Magnus Enzensberger, Walter Boehlich und Karl Markus Michel, einen redaktionellen Vorspruch und eine Mitteilung zur Geschäftsordnung der Diskussion (Die Diskussion geht weiter, hélas!) von Rudolf Walter Leonhardt, den autobiographischen Text "Warum kürzere Röcke?" von Bazon Brock, die Zusammenschau "Puritaner, Konsumenten und die Kritik" von Dieter Wellershoff und das Nachwort "Recht hat, wer zuletzt lacht" von Uwe Nettelbeck.

Es gefällt.

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Was die Diskussion "Kunst als Ware" erbracht hat:

Es wurden bisher zweitausendvierhundertfünfzig Mark an Honoraren ausgeschüttet.

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Was wir hier praktizieren, heißt in der Sprache unserer Freunde von der SDS-Gruppe "Kultur, und Revolution" "mit abstrakten Regeln, von Fairneß... die Wirklichkeit verstellen": Wir veröffentlichen einen Artikel, der den Auffassungen der ZEIT-Redaktion widerspricht. Wir gestehen darüber hinaus, daß "Auffassungen der ZEIT-Redaktion" eher "wishful thinking" als Wirklichkeit ist: Es gibt hier wie überall, wo Fraktionszwang nicht ausgeübt wird, eine Fülle von Auffassungen, die nur mit Mühe und Geduld auf so etwas wie einen gemeinsamen Hauptnenner gebracht werden können. Wir ziehen dieses mühsame Verfahren jeder Parteilinie, welcher Partei auch immer vor, die sich eben nur mit Hilfe von Fraktionszwang einigermaßen geradehalten läßt. Aber ob jemand das hier Folgende völlig falsch findet, wie einige von uns, oder teilweise richtig, wie andere: Wir stimmen überein in der Ansicht, daß eine bestimmte, parteiliche, extreme Position hier klar und – wenn man die Prämissen akzeptiert – folgerichtig dargestellt wird, die nicht ignoriert werden sollte. Diese Darstellung könnte dem Leser helfen, sich seiner eigenen Position deutlicher bewußt zu werden.

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Otto Sutermeister:

In sich geh’n macht stark und wahr, in sich grübeln unfruchtbar.

Friedrich Georg Jünger:

Wer alles schwarz sieht, sieht nichts mehr.

Romano Guardini:

Nichts Menschliches reift ohne die Tugend der Geduld.

Albert Schweitzer:

Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.

Jeremias Gottheit:

Zuviel auf einmal wollen, das ist vom Bösen. Friedrich Rückert:

Am Abend wird man klug für den vergangner. Tag. Doch niemals klug genug für den, der kommen mag.

Jean Paul:

Heiterkeit und Frohsinn sind die Sonne, unter der alles gedeiht.

Johann Wolfgang von Goethe:

Bleibe nicht am Boden heften, frisch gewagt und frisch hinaus! Kopf und Arm mit heitern Kräften, überall sind sie zuhaus.

Ludwig Böttcher:

Fallen ist keine Schande – aber liegenbleiben.

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Eugen Gerstenmaier:

Ich weiß nicht, wieGott aussieht. Ich kenne auch seine Geheimnisse nicht. Ich weiß nur, daß er ist. Auf den äußersten Klippen des Lebens habe ich die Erfahrung gemacht, daß man ihn ansprechen kann und daß er – schweigend – antwortet. Unter den bittersten Zweifeln habe ich erkannt: Die Bibel hat doch recht. Das löst nicht alle Rätsel, bei weitem, nicht. Aber es reicht hin, um auch dem kritischsten Kopf das Risiko des Glaubens zu ermöglichen. Die Vorstellung meiner Kinderjahre ist dahin. Aber was besagt das vor der Erfahrung, daß einer ist – weit hinaus über diese Welt – zu dem wir Du sagen dürfen und der unser so unvollkommenes persönliches Leben vollenden wird?

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Die Staatsanwaltschaften der Bundesrepublik Deutschland haben rund zweitausend Verfahren gegen Studenten, jugendliche Arbeiter und Schüler eingeleitet, die an Oster-Demonstrationen gegen das Verlagshaus Axel Springer teilgenommen haben. Den Angeklagten drohen brutale Strafen; unser vorkonstitutionelles Strafgesetzbuch billigt bei demonstrativen politischen Verstößen gegen die allgemeine Ruhe und die herrschende Ordnung ein Strafmaß bis zu zehn Jahren Zuchthaus.

Eine angemessene Verteidigung der überwiegend mittellosen Angeklagten, deren private Existenz nicht bloß durch Strafen, sondern vor allem auch durch Vorstrafen bedroht ist und deren politische Solidarität zerschlagen werden soll, ist noch nicht gewährleistet. Auch die Mobilität solcher Verteidiger, die um dieser Angeklagten und dieser Sache willen auf ihre Honorare verzichten wollen, hat ihre Grenze; ihre Zahl ist zu gering, Reisekosten zumindest sind unvermeidlich, krasse Verdienstausfälle müssen aufgefangen werden.

Hilfreich ist jeder Betrag.

Die Republikanische Hilfe hat ein Rechtshilfe-Konto eingerichtet: Dresdner Bank, Frankfurt am Main, Kontonummer 282 880. Die Verteilung der Eingänge erfolgt durch das Kuratorium der Republikanischen Hilfe, das nach § 6 seiner Satzung zur öffentlichen Rechenschaft verpflichtet ist.

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Wie finden Sie die neue Constanze?

Sehr geehrte Constanze, ich finde die Idee gut, ein aktuelles Frauenmagazin zu machen, bei dem es auch möglich ist, gleichzeitig politische Bildung auf verständliche Weise zu vermitteln. Wölf gang Mischnik. FDP-Fraktionschef. Sehr geehrte Herren, bin begeistert über die neue Constanze. Die Lebensnähe, das Echte, das Zeitgefühl, den Esprit und die Zeitnähe. Themen, sind auch für mich als Modeschöpfer interessant. Das ist Glamour mit Herz. Toi, toi, toi für Sie. Ihr Heinz Oestergaard. Sehr geehrte Constanze, was mir gefällt, ist die Vielfalt, und daß bei dieser Vielfalt die Häuslichkeit nicht zu kurz kommt. Die Häuslichkeit ist immer noch ein beachtliches Rezept für eine funktionierende Familie. Beste Grüße. Josef Ertl. Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP. Verehrte Constanze, ich kann mir vorstellen, daß die neue Constanze gutim Wettbewerb liegt. Ich finde es gut, daß mit ihr eine aktuelle Zeitschrift speziell für die Frauen gemacht wird. Beste Grüße. Hilda Heinemann. Frau des Bundesjustizministers. Sehr geehrte Herren, ich habe die neue Constanze jetzt zum erstenmal beim Friseur erwischt. Ich finde sie interessant und werde sie mit Interesse kaufen und weiter verfolgen. Margot Mende. Frau des IOS-Chefs. Constanze, was hast Du für ein schönes neues Kleid! Chic! Nadja Tiller und Walter Giller. Liebe Constanze, es ist ein Vergnügen, heute die Constanze zu lesen. Sie verrät eine neue Handschrift. E. Freiherr Löw. Deutsche Verkehrswacht. Verehrte Constanze, Ihre Zeitschrift, die bis unlängst für mich persönlich eine reine Frauenzeitschrift war, hat erstaunlicherweise in den letzten Wochen das Gesicht insoweit verändert, als nach meiner Überzeugung auch die männlichen Leser Gefallen an der Aufmachung und dem Inhalt finden mußten. Diese Tatsache, gepaart mit der erfreulichen Einräumung eines wesentlich größeren Raumes für das Medium Film, läßt darauf hoffen, daß das Interesse sowohl des weiblichen als auch des männlichen Leser-Publikums und somit Ihre Auflage rapid ansteigen wird. Zu einem solchen Ergebnis darf ich Ihnen alle guten Wünsche sagen. Mit freundlichen Grüßen. Artur Brauner. CCC-Filmkunst GmbH & Co. KG. Sehr geehrte Herren, ich bin überzeugt, daß die neue Constanze mit der neuen Linie Erfolg haben wird. Heinz Schmidt. Stellvertretendes Vorstandsmitglied der Daimler-Benz Aktiengesellschaft. Liebe Constanze, nicht Schönheit macht, was wir lieben, sondern die Liebe macht, was wir schön finden. Also: Weil ich die Constanze liebe, finde ich sie schön, die neue, mutige, amüsante, lehrreiche und bunte Berichterstattung! Diese Feuilletons sind Locken auf Glatzen! Angelegentlichst! Ihr Viktor de Kowa, Berlin.

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Neulich im Zweiten Deutschen Fernsehen: Zwei Mädchen fuhren ein riesiges Porträt Fritz Teufels aufs Eis; die Kosten spielten keine Rolle. Welches Lied fällt uns dazu ein, meine Damen und Herren? Der vormalige Wirt der Sendung "Zum blauen Bock" sang es: Wasser ist zum Waschen da, tralala, tralala...

Ein paar Tage später war auch in den Jahresrückblicken von der jugendlichen Protestbewegung die Rede.

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Warum ich nicht zum Thema komme? Liberale Diskussionen liegen mir nicht; sie verstellen mit abstrakten Regeln von Fairneß, Unparteilichkeit und gutem Stil die Wirklichkeit, in der es alles andere als unparteilich zugeht.

Was Kunst ist, ist mir egal; Kunst allein ist eine politische Konfrontationsstelle noch weniger als das Parlament.

Ein Schulaufsatz "Kunst als Ware der Bewußtseinsindustrie" ist falsch; die Reduktion der Kunst auf ihre praktische Funktion, revolutionäre Befreiung zu hemmen, ist selber regressiv. Denn so richtig die Funktionsanalyse auch sein mag, sie fixiert sich an der verlorenen Identität rebellierender Akademiker, die den emphatischen Anspruch der Kunst in deren eigenem Bereich einlösen wollen und sich nur zwangshaft gegen den Kulturbetrieb der eigenen Klasse richten; sie verwandeln darum bildungsbürgerliche Vorurteile unbewußt in strategische Prinzipien.

Warum ich dennoch in der Reihe tanze?

Ich kann das Honorar gebrauchen; außerdem fülle ich Platz in der Zeitung so, wie ich es für vernünftig halte. Dabei darf ich ein gewisses Maß an Artistik und Überlegung nicht unterschreiten; denn nur wer als privater Produzent von Druckzeilen erkenntlich bleibt, hat Anspruch auf ein Honorar.

Rudolf Walter Leonhardt:

Eine Zeitung sollte, so meine ich, keine Leserverwirrspiele treiben.

Das ist scheinbar nur praktisch gemeint: Ich soll meine Artikel nicht mit Marion Gräfin Dönhoff zeichnen; tue ich es doch, wäre Rudolf Walter Leonhardt gezwungen, den Lesern diese Kaprice in einem Vorspruch auszuweisen. Also lasse ich es.

Schade.

Ansonsten aber bleibt mir nichts anderes übrig, als Leserverwirrspiele zu treiben.

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Aufklärung:

Glück in der Ehe ist kein Zufall. Sie können es lernen. Die erlaubten Anregungsmittel machen es Ihnen leichter...

"Was trinken Sie denn abends?" wollte Dr. Hartwig von Christine Alsberger wissen.

"Meinem Mann zuliebe habe ich mir das Biertrinken angewöhnt. Wir essen ausgiebig zu Abend. Ich bin eine gute Köchin und bringe auf den Tisch, was er gern mag, und das sind Nudeln und Süßspeisen. Wir trinken gern Bier und klare Schnäpse."

Dr. Hartwig schüttelt lächelnd den Kopf... Christine stellte den Magenfahrplan radikal um. Im Hause Alsberger gibt es neuerdings viel Sekt im Kühlschrank. Statt der von ihrem Mann so geschätzten legierten Suppen kommt eine Bouillon mit Knochenmark und Geflügelfleisch auf den Tisch. Spaghetti und Klöße verschwinden unmerklich; die nur kurz gebratenen und kräftig gewürzten Steaks, die Salate aus Thunfisch oder Sellerie bringen Wolfgang Alsberger dazu, neuerdings schon eine halbe Stunde früher als sonst nach Hause zu kommen. Der eisgekühlte Martini vor dem Essen wird zu einer Gewohnheit, die er nicht mehr missen möchte. Zu den Kerzen, die Christine dann anzündet – das findet er plötzlich – würden Blumen passen ...

Christine hat das Glück, in Dr. Hartwig einen Eheberater getroffen zu haben, der die Psyche des Mannes genau kennt. So geschieht es, daß Wolf gang Alsberger wie zufällig auf seinem Nachttisch die neueste Ausgabe des "Playboy" findet. Es hat Überwindung gekostet, bis Christine das Herrenjournal mit den berühmt-berüchtigten Aktphotos gekauft hat...

(ES wird weiter über die erlaubten Anregungsmittel für Ehepaare berichten.)

Dresdner Bank, Frankfurt am Main, Kontonummer 282 880.

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Sehr geehrter Herr Nettelbeck!

Ich kann Ihr Vorurteil gegen Bücher verstehen, aber vielleicht gibt es Gründe, es trotzdem zu überwinden. Man könnte ja auch sagen, daß das Buch eine Kontrastfunktion hat, also ruhig ein Stück Kontinuität behaupten soll gegen die fragmentarisierte und disparate alltägliche Realität. Aber auch das Konzept eines diskontinuierlichen Buches würde mich interessieren, wenn der Begriff Konzept nicht schon ein Widerspruch zur Absicht ist. Aber irgendein Selektionsprinzip wird es ja geben müssen, auch wenn man einen monströsen Mischmasch herzustellen beabsichtigt. Herzlichst, Ihr Dieter Wellershoff.

P. S.: Setzt Ihre Vorstellung vom ersten guten Buch voraus, daß der Typus des traditionellen, zusammenhängenden Buches eine so eingeprägte Struktur ist, daß allein schon die Auflösung dieser Struktur, eine anscheinend vollkommen kanzeptlose Kollage, einen starken Reiz bedeutet? Wird nicht doch das Interesse, das man an einem solchen Buch finden kann, vor allem durch die darin zusammengestellten Materialien, erregt, also doch durch ein unausdrückliches Thema?

Scheiß-Beatles zu sagen, aber Hans Werner Henzes Musik revolutionäre Inhalte anzuhängen, ist so stramm links, daß es mir die Hacken zusammenreißt.

David Mairowitz stellt John Lennon eine Frage:

Do you think that attitude has anything to do with the negative reception to the song "Revolution", which seems to advocate not rocking the boat?

John Lennon:

Does it?

Rudi Dutschkes Verteidigung des Komponisten Hans Werner Henze macht es den Herren von der anderen Seite zu leicht.

Ich rasiere mich trocken mit einem Braun-Elektrorasierer. Ich fahre einen Volvo 144 S mit Schiebedach. Ich habe das "Kursbuch"-abonniert. Ich benutze ein Grundig-Tondbandgerät, Typ TK 47 Stereo, mit dem ich nicht mehr ganz zufrieden bin. Ich rauche Roth-Händle ohne Filter. Unsere Wäsche wäscht eine Miele Automatic 416, unser Geschirr eine Miele Automatic G 50. Beide Maschinen arbeiten zu unserer vollen Zufriedenheit. Unsere Miele Automatic 416 wäscht unsere Wäsche noch immer mit Persil 65 von Henkel. Meine Frau Petra sitzt in einem amerikanischen Rollstuhl von Everest & Jennings, Typ Premier, Modell Junior. Ich schreibe auf einer elektrischen IBM-Schreibmaschine, Modell 72. Mit dem Filzschreiber edding 1200 bin ich zufrieden. Nick zufrieden sind wir mit unserer Backröhre von Siemens. Es ist dem Siemens-Kundendienst nicht gelungen, die in sie eingebaute Zeituhr in Gang zu setzen. Wir sind bei der Krankenversicherung Leipziger Verein-Barmenia zu einem sehr vorteilhaften Tarif privatversichert. Ich trage eine Bulova Accutron, die genaueste Armbanduhr der Welt. Wir wohnen in einem von dem Architekten Dr.-Ing. Hermann Funke entworfenen Einfamilienhaus, mit dem wir sehr zufrieden sind. Es zwingt uns nicht, die Architektur als etwas Höheres anzusehen. Es ist geräumig und doch im Winter leicht zu heizen. Unser Heizöl beziehen wir von der Lüneburger Filiale der Esso Aktiengesellschaft. Wir benutzen Sicherheits-Zündhölzer der Deutschen Zündwaren-Monopolgesellschaft. Wir backen mit Gloria-Mehl. Wir essen Birkel-Spaghetti. Wir salzen mit Bad Reichenhaller Spezial-Salz. Wir frankieren unsere Briefe mit Postwertzeichen der Deutschen Bundespost. Wir putzen unsere Zähne mit Kolynos-Zahncreme, die angenehm frisch schmeckt. Unser Fernsehapparat ist auch von Grundig. Warum, wissen wir nicht mehr. Unsere Waschbecken sind mit Grohe-Einhand-Mischbatterien ausgestattet. Wir ziehen Tempo-Taschentücher allen anderen Papiertaschentüchern vor. Wir trinken Markenbier und Coca-Cola.

Ei ei ei Sanella

Sanella auf dem Teller

Wenn Sanella ranzig wird

Dann wird sie’s immer schneller

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Erinnern Sie sich?

Das individuell produzierte Kunstwerk gerät in den gesellschaftlichen Zusammenhang des Vertriebs. Die Kulturindustrie, die sich dieses Vertriebs angenommen hat, ist ein Industriezweig wie jeder andere und somit in das ökonomische System der kapitalistischen Gesellschaft integriert.

Der Markt der Kulturwaren nun erscheint höchst kritikwürdig, weil er jedem Bedürfnis, das er irgendwo zu wittern glaubt, ein Angebot gegenüberstellt, völlig unbekümmert um Kriterien der Vernunft und Moral; weil in den Konsumzirkel, der andererseits durch sein Angebot Bedürfnisse weckt, die er mit Profit befriedigen kann, keine solchen Widerstände eingebaut sind.

Die kapitalistische Kulturindustrie ist sogar so nachgiebig, daß sie ohne weiteres durchlässig wird für antikapitalistische Ideen, sobald die einen Markt haben. Wenn ein ähnlicher Markt für faschistische Ideen bestünde, würde sie sich auch dagegen nicht sperren, auch wenn sich das Geschäft vielleicht teilweise auf andere Firmen verlagern müßte. Diese Blindheit ist es, die mir gefährlich scheint.

Der Druck der gewaltig gesteigerten Produktivkräfte der Kulturindustrie hat zugleich zu einer immer weiter fortschreitenden Einschränkung des Marktes geführt. Der Bildungskanon des Bürgertums wurde als viel zu enger Rahmen aufgelöst, die Tabugrenzen wurden inhaltlich und formal immer weiter verschoben, immer bequemere Zugänge zum Kulturprodukt wurden geschaffen. Prinzipiell fällt nichts Oppositionelles mehr aus dem Produktionsprozeß der Kulturindustrie heraus.

Daß sich der Kulturmarkt insgesamt nicht noch viel verheerender ausnimmt, als er es tut, verdankt er vor allem der Tatsache, daß manche, die auf ihm mitbieten, sich absichtlich oder aus Naivität marktwidrig verhalten; die kapitalistische Kulturindustrie ist nicht nur allem Verkäuflichen gegenüber aufgeschlossen, sondern sogar flexibel genug, auch das Unverkäufliche bedingt auf dem Markt zu halten.

Der Künstler aber ist nach wie vor, was er immer war und was abzuschaffen ich keine Notwendigkeit sehe: ein Hersteller von Objekten, der Realisator von privaten Visionen, die nichts Mystisches sein müssen und relevant für dieses und jenes sein können und natürlich unter anderem auch gesellschaftlich vermittelt sind. Die Erfahrungen laufen doch immer wieder im einzelnen zusammen, als einzelner, und sei man noch so sehr ein Massenfabrikat, hat man sich durch sie hindurchzuschlagen; der Künstler tut es exemplarisch. Wenn die Unzuständigkeit des Individuums sein beherrschendes Erlebnis ist, dann wird er individualistische Kunst über die Unzuständigkeit des Individuums hervorbringen. Die kollektiven Mächte liquidieren zum Beispiel auch in Musik die unrettbare Individualität, aber bloß Individuen sind fähig ihnen gegenüber, erkennend, das Anliegen von Kollektivität noch zu vertreten.

Die Bedeutung der ästhetischen Praxis für die Zukunft wird größer sein, als sie es für die feudale und bürgerliche Gesellschaft gewesen ist. Schon deshalb, weil Wissenschaften und Künste in die Basis abgestiegen sind: sie wurden selber Produktivmittel. Doch auch die Funktionszuweisungen haben sich erhöht, was man allerdings erst versteht, wenn man die aktualen Formen ästhetischer Praxis kennt.

Denn gerade am kulturellen Betrieb geht widerstandsfähigen Individuen die heimliche Gewalt der arbeitsteiligen Institutionen auf, die nicht bloß das Bewußtsein, sondern das praktische Leben der Massen in Regie genommen haben.

Es sprachen, in der Reihenfolge ihres Auftretens: die Projektgruppe "Kultur und Revolution", Dieter E. Zimmer, Uwe Nettelbeck, Dieter E. Zimmer, Dieter Wellershoff, Dieter E. Zimmer, Uwe Nettelbeck, Dieter E. Zimmer, Theodor W. Adorno, Bazon Brock und Frank Wolff.

Stimmt etwas nicht?

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Robert McNamara im Mai 1966:

Vietnam interessiert uns nicht als strategisches Ziel und noch nicht einmal als politischer Stützpunkt; es interessiert uns als Probe aufs Exempel. Dieser Konflikt ist typisch: wie kann eine Großmacht wie die unsere ihn siegreich bestehen? wie kann ein Land, das über ein enormes militärisches und ein minderes politisches Potential verfügt, an einem beliebigen Ort über einen Gegner siegen, der militärisch unterlegen, aber politisch stark ist? Das ist die Frage, vor die wir uns estellt sehen. Es ist für uns keine Frage auf Leben und Tod, wenigstens nicht hier und jetzt. Aber hier und jetzt müssen wir Methoden lernen, mit denen wir dasselbe Problem in beliebigen Teilen Asiens, Afrikas und vor allem Lateinamerikas lösen können, wenn es eines Tages wirklich um Tod und Leben geht.

Martin Walser im September 1966: Und dieser Krieg hat bei uns eine freundliche Presse. Ein SPD-Abgeordneter reist nach Vietnam und empfiehlt dann in der ZEIT, alte Nähmaschinen in die Etappe zu schicken. Theo Sommer als Fachmann und Realist und Referent des Pentagon, interpretiert diesen Krieg von Mal zu Mal nach den Regeln, nach denen die USA sich ein Recht gebastelt. haben für ihre Aggression. Er bespricht den Krieg, als handle es sich um ein Theaterstück, das gebaut ist nach einer unanfechtbaren Dramaturgie.

Erwin Scheuch in der ZEIT vom 8. November 1968:

Protestierer garnieren heute ihr politisch klingendes Kauderwelsch ... unsere sich als Linksextremisten gebärdenden Studenten und Intellektuellen ... schwachsinnigerweise wortgewaltige Schriftsteller wie Hans Magnus Enzensberger statt zu Schriftstellern den hanebüchensten Unsinn ... Schriftsteller wie Martin Walser ... so könnte man für solche Höchstbegabungen der Kommunikation ein Erwachsenenstudium vorsehen ... selbstverständlich ... nicht Revolution in irgendeinem vernünftigen Sinne ... nur so aus Prinzip öfters mal eine politische Ordnung zerstören ... bezeichnete man bisher als Revoluzzertum ... und überließ das ... den Studenten südamerikanischer Universitäten ... die sich dies ... als Kinder ... wohlhabender ... Eltern ... leisten ... konnten.

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Noch ein Brief:

Hamburg, am 29. November 1968.

Sehr geehrter Herr Nettelbeck,

verbindlichen Dank für das Interesse, das Sie unserer Wochenzeitung entgegenbringen.

DIE ZEIT hält durch ihre Erscheinungsweise Abstand von der Tagesnachricht und kann die wichtigen Ereignisse und Entwicklungen auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet im Zusammenhang werten. Sie kennt die Hintergründe und sieht daher das Ganze. Man liest sie eben mit Gewinn.

Der ZEIT ist es gelungen, kritisch und unabhängig zu bleiben. Sie wird heute in über 100 Ländern gelesen und als einzige deutsche Zeitung auch in Übersee – in Toronto und in Buenos Aires – gedruckt.

Sie sollten wirklich einmal prüfen, ob die ZEIT nicht auch Ihnen angenehme Lektüre und ständige, anregende Informationsquelle sein kann. Bitte, bedienen Sie sich der beiliegenden Karte und kreuzen Sie das Gewünschtste an. Wir werden: Ihnen die beiden nächsten Ausgaben kostenlos zusenden. Mit freundlichen Grüßen, DIE ZEIT Abonnement Inland, Bartel.

Anlage: Bestellkarte.

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Friede den Menschen, Kampf den Institutionen!