DIE ZEIT

Ohne Gnade

Als Alexander Mitscherlich, der soviel über Aggression nachgedacht hat, sein berühmtes Buch "Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft" schrieb, da glaubte er, in der neuen, durch Wissenschaft und Aufklärung bestimmten Epoche werde die vaterlose Gesellschaft durch eine Gesellschaft der Brüder und Schwestern abgelöst werden.

Gerstenmaiers Ansprüche

Bundestagspräsident Gerstenmaier hat viele Feinde; sein schlimmster ist er selber. Er, der sich so sicher auf den Höhen konservativer Staatsphilosophie bewegt, tut sich im politischen Alltag ziemlich schwer, und der Alltag ist leider die Regel.

Der müde Atlas

Amerikas Beteiligung an der Weltpolitik vollzieht sich in Wellen und Sprüngen. Im Wechselstrom der nationalen Impulse lösen aktivistische und quietistische Phasen einander ab; hemmungslosem Einmischungsdrang folgt in der Regel ein Rückzug ins US-Schneckenhaus; das zwanghafte Bestreben, die Welt neu zu ordnen, macht jedesmal tiefer Verzweiflung über die Hoffnungslosigkeit des Unterfangens Platz.

Pariser Artistik

Als erster westlicher Staat hat Frankreich der Sowjetunion jetzt wieder den roten Teppich der Respektabilität ausgebreitet. Und erscheint das nicht in der Tat vernünftig und realistisch? Denn ohne Moskau – das erkannten alle Nüchternen schon in den Wochen der Empörung über den 21.

ZEITSPIEGEL

Die Berliner Freien Demokraten wollen zu den Hütern der Pressefreiheit werden. Der Landesausschuß der FDP förderte seine Fraktion auf, im Abgeordnetenhaus die Pressekonzentration zur Sprache zu bringen.

Warten auf den nächsten Krieg

Der Soldat ist noch hundert Meter entfernt; doch je näher er kommt, desto schneller geht er, den Gurt des umgehängten Gewehrs fest in der Hand.

Gelassen in den Wahlkampf

Der FDP-Vorsitzende Walter Scheel verwahrt sich gegen die Unterstellung, von Größenwahn befallen zu sein. Wenn ihm die Dreißigprozentvision seines Junggenies Ralf Dahrendorf unter die Nase gerieben wird, zieht der politische Altmeister die Brauen hoch: "Zahlen habe ich nie genannt.

Große Koalition – auf ewig?

Wird die Große Koalition nach den Bundestagswahlen fortgesetzt? Die Politiker in Bonn äußern sich nicht gern dazu. Meist fertigen sie den Frager unwirsch mit der Antwort ab, darüber werde der Wähler entscheiden.

Rechnung ohne den Wirt

Die westlichen Verteidigungsminister beraten diese Woche in Brüssel darüber, wie die Militärmaschinerie der Allianz in den nächsten fünf Jahren beschaffen sein soll.

Niederlage der Scharfmacher

Der 20. Parteitag der kleinen Kommunistischen Partei Österreichs war mehr als ein lokales Ereignis. Vor einem Jahrhundert schrieb Friedrich Hebbel: "Dies Österreich ist eine kleine Welt, indem die große ihre Probe hält.

Ohne Respekt

Es war ein spektakulärer Versuch der Sozialdemokraten, das Gespräch mit der "jungen Generation" zu, führen: ein Kongreß in Bad Godesberg mit der ersten Garnitur der Parteiführung und 500 jungen Repräsentanten verschiedener Organisationen.

Moskau tritt kurz

Da bundesdeutsche Eltern ihre Freizeit am liebsten in Kneipen und Bars verbringen, müssen sie zur Züchtigung ihrer Kinder zu Knüppeln und Kleiderbügeln greifen.

Die Saat der Gewalt

Mit Äxten drangen am Freitag Polizisten in die AStA-Räume der Heidelberger Universität ein, bahnten sich den Weg durch Barrikaden und schlugen Türen ein, sprengten mit brutaler Gewalt ein Sit-in der Studenten, beschlagnahmten Fernsehkameras und mißhandelten Journalisten.

Globemaster über Biafra

Die Luftbrücke des Roten Kreuzes von Santa Isabell auf Fernando Poo nach Biafra (bisher durchschnittlich zehn Flüge pro Nacht à zehn Tonnen Lebensmittel und Medikamente) mußte eingestellt werden.

Um den heißen Brei

Der Klubcharakter der Londoner Commonwealth-Konferenz blieb erhalten. Die 24 Premierminister oder Präsidenten und vier stellvertretenden Premiers aus 28 Ländern (sie vertreten über 800 Millionen Menschen) waren sich einig, keine bindenden Beschlüsse durch Abstimmungsmehrheiten herbeizuführen, die nur zu Austritten aus der britischen Völkerfamilie geführt hätten.

Großoffensive der NLF?

Die Kämpfe in Vietnam sind wieder aufgeflammt. Am Montag führten die Vietcongs ihren schwersten Angriff gegen die Alliierten seit Mai letzten Jahres.

Dokumente der ZEIT

Riedl: Erinnern wir uns, was Genosse Fürnberg am 15. Parteitag (1948) über Jugoslawien sagte, als er das Tito-Regime verbrecherisch nannte und Tito als Banditen bezeichnete .

Verfeindete Reformer

Der offene Machtkampf im Lager der tschechoslowakischen Reform-Kommunisten – der vermutlich zum Eingreifen der Besatzungsmacht geführt hätte – wurde verhindert.

Namen der Woche

Wladimir Schatalow, Oberstleutnant, startete am Dienstag mit Sojus 4 zu einem neuen sowjetischen Weltraumversuch. Am Mitttwochmorgen schickten die Sowjets ein zweites Weltraumschiff mit drei Mann auf eine Umlaufbahn.

Der Nachfolger

Diese als Nachfolge-Krise sich drapierende Krise der Institutionen wäre nicht intakt ohne die Teilnahme der Museen, und jetzt ist es denn auch so weit, die Fragen nehmen überhand: In München, Nürnberg, Stuttgart und Hamburg galt und gilt es, entscheidende Posten neu zu besetzen.

Aktuelles im Allerheiligsten

Werner Hofmann: Keine Sammlung, kein Etat können heute mit dem Angebot an "Kunstware" Schritt halten. Anstatt einen reichbestückten Rundhorizont anzustreben, hat die Sammlungsstrategie Kraftlinien herauszuarbeiten, Akzente zu setzen: Persönlichkeiten, Gruppen, Strömungen.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Man kann es überall und im Zusammenhang mit Mozart ganz besonders oft lesen: Die Klarinette sei das lyrischste, modulationsfähigste, das romantischste, ja sinnlichste Holzblasinstrument.

Kunstkalender

Ein Blatt heißt "Der Weg zu Dir". Hundertwasser hat so viele poetische geheimnisvolle Titel erfunden, daß die Banalität dieses Titels das Air einer exzentrischen Marotte gewinnt.

Vernunft gegen Gewalt

Studenten, Professoren, Polizei: in Berlin, Heidelberg und Frankfurt zum Beispiel

FILMTIPS

"Gertrud", von Carl Theodor Dreyer. Der letzte Film des dänischen Autors, die 1965 entstandene Adaptation eines Bühnenstücks von Hjalmar Söderberg; die Szene ist Stockholm um die Jahrhundertwende: Gertrud verweigert sich der Karriere ihres Mannes, sie verläßt ihn am Vorabend des Tages, an dem er zum Minister ernannt werden soll.

Wieder auf Tournee: die Ofarims

In Nürnberg, ausgerechnet in Nürnberg, wurden ihnen anonyme Mordandrohungen zuteil, kurz bevor sie in der "Meistersingerhalle" aufträten.

ZEITMOSAIK

Als der Kultusminister von Niedersachsen, Richard Langeheine (CDU), beim Finanzminister von Niedersachsen, Alfred Kubel (SPD), zusätzliches Geld beantragte, um für insgesamt 30 000 Schulstunden Aushilfslehrer einstellen zu können, schickte der einige Beamte des Rechnungshofes, die sich des Personalhaushalts im Kultusministerium annehmen sollten.

Kunst als Ware: Ja, aber... und...

Hinweise auf den Warencharakter der Kunst sind wichtig, schon damit die Begrenzungen, die der Kunst in unserer Gesellschaft (und nicht nur in ihr) durch Produktions- und Verteilungsverhältnisse, durch Nachfragemanipulation und durch den Konsumstandpunkt der Kritik auferlegt sind, nicht verschleiert werden.

Gesammelte Strafgerichte

Auch den Aufsässigsten unter unseren Studenten würde es schwerfallen, den 1965 verstorbenen Baseler Walter Muschg in den Eintopf "Germanistik" zu werfen.

Der Kopf der Revolution

In der jüngeren Generation ist der Fall selten geworden, daß ein Mann der Politik zugleich ein-Mann des Geistes und ein bedeutender Schriftsteller ist.

ZU EMPFEHLEN

ES ENTHÄLT, neben einer Chronologie der Ereignisse von 1945 bis zum August 1968 und einer ausführlichen Bibliographie, auf rund dreihundert Seiten Dokumente zum gegenwärtigen Stand der kleinen Reformen und der großen Vorsätze; es verzeichnet geltende und geplante Hochschulgesetze und Universitätsverfassungen, Modelle, Entwürfe, Grundsatzüberlegungen und Ad-hoc-Erklärungen, die Meinungen des Jahres 1968 und manchmal sogar die Wirklichkeit – sofern sie aktenkundig geworden ist.

Ehre statt Eigennutz

Seit dem ersten Augenblick meiner Jugend... habe ich eine unüberwindliche Antipathie gegen die Personen empfunden, die man mir als Vorbilder moralischer Vollkommenheit hinstellte und die der große Haufen der Gesellschaft als handgreifliche Vorbilder menschlicher Tugend ansah.

Kanzler-Kaleidoskop

Der Titel läßt einen zunächst vermuten, es handele sich um einen der Bände, die mehr eine "Buchbindersynthese" als ein eigentliches Buch sind.

Warten auf Brüning

Vergeblich warten wir auf die Erinnerungen Heinrich Brünings. Der Professor für politische Wissenschaften ist uns eine kritische Analyse seiner Kanzlerjahre 1930 bis 1932 schuldig geblieben.

Durch Musik verdorben

Wenn jemand sich zutrauen durfte, die weltberühmte englische Filmkomödie "Ladykillers" (1955) als komische Oper zu bearbeiten, dann war es der 46jährige Tscheche Ilja Hurnik, der alle Voraussetzungen dazu mitbrachte.

Einbahnstraßentheater

Auch das Straßentheater, für das mehr theoretische Tränen vergossen wurden als praktischer Schweiß, ist auf das Theater gekommen.

A propos Rollenkonflikt

Im Hamburger Universitätsviertel gibt es seit einigen Monaten eine Buchhandlung namens "Spartakus"; ihr Wahl- und Wahrspruch, weiß auf die rote Fassade gemalt, lautet: "Der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein"; ihr Programm reicht von marxistischer zu subversiver Literatur.

Fernsehen: Schirach in uns

Nein, ich verstehe sie nicht, diese Erregung über den Auftritt Baldur von Schirachs. Ich begreife nicht, warum ein Mann wie Dieter Gütt so sehr in Rage geriet, daß er den Reichsjugendführer von gestern einen Zündler (aber keinen Brandstifter) nannte, einen Bauernfänger, Taugenichts und einen Nullouvert, daß er vom Babyspeck sprach, der den eher behäbigen Schöngeist in der Tat den jungen Marschierern von damals nicht gerade als Thoraksche Kämpferfigur präsentierte, daß er Invektiven addierte und schließlich den Stoßseufzer tat: "Es ist unglaublich, was Gefängnisse manchmal entlassen!" Und das alles, weil Schirach eben Schirach, ein Nationalsozialist ein Nationalsozialist geblieben war.

Goldene Kameras und die Peitsche

Geld wird den Fernsehleuten von ihren Rundfunkanstalten gezahlt, aber woher beziehen sie die Ehre? Sie ist nicht immer mit dem Bildschirm gekoppelt, mit Erfolgsziffern und Popularität.

411 im ersten Gang

Befragt waren Vertreter von Automobilfirmen, die in der Bundesrepublik Autos für siebeneinhalb- bis achteinhalbtausend Mark anbieten, jener Preisklasse also, in die das Volkswagenwerk im letzten Spätsommer mit dem VW 411 vorgestoßen ist.

Für wen?

Georg Lebers Versuch, durch Einführung einer Beförderungssteuer für den Güterkraftverkehr einen Teil der Transporte von der Straße auf die Schiene zu verlagern, stößt sich anscheinend mit dem Wunsch Karl Schillers, das Preisniveau möglichst stabil zu halten.

Beispiel

Für den Bergbau geht die schöne Zeit zu Ende, in der sich ein reicher Subventionssegen gleichmäßig über gute und schlechte Zechen ergoß.

Report aus Brüssel: Nadelstiche und Zeitbomben

Die zahllosen Nadelstiche und die gefährlichen Zeitbomben aus Paris erregen die Gemüter in Brüssel. Seit mit Außenminister Michel Debré ein Mann Frankreich repräsentiert, dessen Abneigung gegen die Gemeinschaft immer spürbarer wird, ist die Arbeit mehr denn je erschwert.

Scheinheilig

Bisher steht es noch jedermann frei, eine Gastwirtschaft zu führen und seine Gäste mit Speisen und Getränken zu traktieren. Das soll anders werden.

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