Von Wolfram Siebeck

Auf der oberen Leopoldstraße, wo kulturelle Veranstaltungen bisher nur im Kino stattfanden, eröffnete Bayerns Kultusminister gestern, vor einem festlich-erwartungsvoll gestimmten Publikum, Münchens neueste Baustelle. Man wußte, daß der größte Teil des Ensembles aus Italien verpflichtet worden war und daß im Löffelbagger der Pasinger Sepp Holzer sitzen würde, erwartete also eine Darbietung von Rang. Daß es dann das phonetische Ereignis des Jahres werden sollte, war Alois Stiebl und seiner Explosionsramme zu danken. Der kann in die Ramme hineingreifen, daß es groß und herrlich metallisch und präzise klingt, der läßt Akkorde leben, der hat Sinn für ein Fortissimo!

Das Staunen, das unvermittelte Betroffensein ereignete sich sofort bei den ersten Takten. Das noble, beseelte, fast schmerzhafte Stakkato, das Stiebl aus dem Nichts beziehungsweise aus einem herrlichen Instrument holte, war Phon in höchster Reinheit. Er rammt nicht nur schön, er rammt auch musikalisch genau, gliedert klug, artikuliert zugleich logisch und süffig. Virtuos, federnd, fabelhaft!

Das Publikum, durch keinen Bauzaun vom Solisten getrennt, klatschte sich dann auch den Straßenstaub begeistert aus den Kleidern, Der Auftritt des Luigi Bozzetto aus Neapel gestaltete sich womöglich noch spektakulärer. Was er mit dem Preßluftbohrer anstellte, grenzte an Hexerei. Mit traumhafter Sicherheit fand er die Sprungstellen im Beton. Jedoch: Akkordballungen schon im Ansatz und die für ihn so typische kokett-lockere Haltung (offenes Hemd auch im Winter!), das zielt zweifellos auch auf den Effekt, ist Showmanship, ganz klar. So galten die Ovationen wohl nicht nur seinen Rubati, sondern auch seinen Tätowierungen. (Hinreißend ein Siegfried-Motiv auf dem linken Unterarm: Drache von Dolch durchstoßen, in hellem Blau, mit roten Kontrapunkten umrahmt.)

Nach der Pause machte die Schürfkübelraupe den ersten Satz zusammen mit einer vorbeifahrenden Straßenbahn (Linie 43), die aber viel zu langsam blieb, um sich gegen Gustl Schuler auf der Raupe durchzusetzen. Dem gelang es, mit dem Planierschild auch harte Brocken so gewichtlos wie möglich zu nehmen. Und auf der Leopoldstraße gibt es viele harte Brocken.

Das erfuhr dann im Finale der große Sepp Holzer. Die an dieser Stelle im Pflaster steckenden Widerstände brach er mit geradezu unbarocker Eleganz; doch was er im Sommer am Marienplatz noch mit blühendem Ausdruck füllte, das baggerte er diesmal verdrossen-routiniert. Die Grabzähne des Baggerlöffels schienen mir eine Spur zu steil, und der aufgeweichte Boden inspirierte ihn zu nichts Besserem als zu aufgeweichtem Rhythmus, was zwangsläufig zu verschmierten Figuren führte.

Trotzdem überwältigender Jubel bei Zuschauern und Anwohnern.