Berchtesgaden

In der Ramsau im schönen Berchtesgadener Land herrscht zwar im Sommer Touristenrummel, im Winter aber machte hier bisher nur eine Handvoll Urlauber Quartier. Plötzlich jedoch kurven skibeladene Autos in auffallender Dichte über die Alpenstraße. Der Grund: Auf sonnigen und zahmen Schneewiesen, in angemessener Panoramaentfernung von den abweisend felsigen Paradebergen Watzmann und Hochkalter, surren vier Lifts. Sie sind nagelneu; seit dreißig Tagen in Betrieb. Zur Premiere, an den Feiertagen um Jahreswechsel, baggerten sie einige Zehntausend Skijünger bergwärts. Und der renommierte Wintersportplatz Berchtesgaden schielte denn auch gleich mit Argwohn auf den benachbarten Skibetrieb am „Hochschwarzeck“.

Hochschwarzeck ist das Werk eines Zugereisten. Er freilich betrachtet es nur als „eine geistige Wachhalteübung“. Willy H. Schlieker ist ins Skigeschäft eingestiegen.

Willy H. Schlieker – eine fast schon vergessene Archivakte? Man erinnert sich: Sohn eines Hamburger Kesselschmieds, kaufmännischer Lehrling, Selfmademan, Großindustrieller, Werftbesitzer, Bewohner einer Luxusvilla an der Elbchaussee, Alleinherrscher eines Firmenimperiums aus Maschinenbau, Eisenhandel, Stahl, Schrott, Elektronik und Schiffen mit einem Jahresumsatz von 800 Millionen Mark – bis 1962. Am 24. Juli jenes Jahres ging er in Konkurs. Die spektakulärste deutsche Wirtschaftswunderpleite. Forderungen für mehr als 80 Millionen Mark wurden angemeldet. Im Jahr 1967 endete das Konkursverfahren mit einem Zwangsvergleich.

Seit fünfeinhalb Jahren hat der in Hamburg schiffbrüchig gewordene Manager sein Domizil am Ende einer Forststraße im Ortsteil Schwarzeck des oberbayerischen Gebirgsdorfes Ramsau. Neben dem romantischen Zufahrtsweg sind Wildfütterungsplätze. Aber im Keller jener „Herberge“, die er 1953 als Jagdhaus errichten und seiner Frau „als Alterssitz“ überschreiben ließ, steht ein Fernschreiber und griffbereit neben dem offenen Kamin das Telephon. „Damit bin ich ausreichend mit der Welt in Verbindung“, sagt Willy Schlieker.

Das Haus im Wald strahlt Familienidylle aus. Der Hausherr trägt dunkelblauen Rollkragenpulli und ausgebeulte Hosen. Er stellt Marga Schlieker, seine Frau, als „Geschäftsführerin der Schwarzeck-Liftanlage“ vor; ein Rauhhaardackel watschelt im Strickkleidchen durchs Zimmer.

Schlieker, der Zuagroaste, der bei den Einheimischen auch nach seinem Konkurs unvermindertes Ansehen genoß, hat in den letzten Jahren mit den Bauern viel Schafkopf gespielt und sich bei diesem bayerischen Kartenspiel über die bäuerlichen Sorgen unterhalten. Die Ramsauer Bauern jammerten über die immer mieser werdende Situation ihrer Land- und Forstwirtschaft und über den Fremdenverkehr, der nur an hundert Sommertagen funktioniere. Der Mann aus dem Norden, der noch nie in seinem Leben auf Skiern stand und dem die seelische Verfassung jener Menschen ein Rätsel ist, die stundenlang auf zwei Brettern einen Berg rauf und runter fuhren, riet den Bauern, das Wintersportgeschäft anzukurbeln. „Aber zunächst hörte ich von den lieben Leuten nur immer: Ja mei, dees könn’ ma net, dazu ham ma ka Geld.’ Und jeder Bauer, durch dessen Gelände die geplante Zufahrtsstraße zum Skigelände führen sollte, sagte: ‚Koan Meter gib i her.“