Verhindern Verkaufskontore den freien Wettbewerb?

Von Hans K. Herdt

Macht Zucker dick? Darüber zu streiten, hat wenig Nährwert. Denn anders als den zu Wohlstandsehren gekommenen Kunststoffen haftet den Süßstoffen noch immer der Armeleutegeruch aus kargen Kriegsjahren an. Das nur langsam und zähflüssig auf der Gesundheitswelle daherschwimmende Zuckersurrogat wird die Rübenfelder so schnell nicht verseuchen. Trotzdem ist die Mode der schlanken Linie für die Zuckerindustrie fast so etwas wie eine Geschäftsschädigung und zugleich der beste Beweis dafür, daß auch auf lange Sicht die Freude am süßen Leben nicht überschäumen wird. Die Zuckerindustrie ist keine Wachstumsbranche.

Im Hauptquartier der Südzucker AG in Mannheim, in der Großstadt und somit in gepflegter Distanz zu Rübenfeldern und Fabriken, zu Bauern und Aktionären, ist man darob nicht verbittert. Mag der Verbraucher auch weiterhin zögern, sich einen größeren Zuckerlöffel anzuschaffen, so bleibt das Zuckergeschäft doch eine vergleichsweise sichere Sache: ein Grundnahrungsmittel, das jedermann braucht. Gegen die Preisstürme auf dem Weltmarkt und gegen ruinösen Wettbewerb im Innern des Gemeinsamen Marktes ist man in Brüssel zwangsversichert. Die Agrarmarktordnung für Zucker ist denn auch prompt – obwohl erst seit Mitte 1968 in Kraft – als eine für die Steuerzahler bittere Kost verschrien.

Zwischen Berg und Tal

Deutschlands Zuckererzeuger Nummer 1 spendet Trost: Es gibt gar keinen Zuckerberg, lautet die erbauliche Kunde. Er ist vom Erdboden verschwunden, nur haben es die Leute noch gar nicht gemerkt. Die Süddeutsche Zucker-AG hielt es deshalb für ihre Pflicht, „die. in der Presse und Öffentlichkeit hartnäckig vertretene Meinung vom Vorhandensein eines Zuckerberges“ endlich einmal zu widerlegen. Kaum jedoch hatte dieser im Südzucker-Geschäftsbericht vermerkte Satz das Licht einer hellhörig gewordenen Konsumwelt erblickt, da forderte EWG-Vizepräsident Sicco Mansholt dennoch eine kräftige Senkung des amtlichen Rübenpreises, denn der Abbau des Zuckerberges ist durch einen forcierten Export aus der EWG zu auf das niedrige Weltmarktniveau heruntergeschleusten Preisen möglich. Dieser EWG-Durchschnittspreis hat sich beim Eintritt in den gemeinsamen Zuckermarkt zwar für die deutschen Bauern geringfügig von 7,25 auf 6,80 Mark je Doppelzentner ermäßigt, für die französischen und belgischen Landwirte aber beträchtlich erhöht.

Südzucker jedoch durchwandert im Moment wirklich ein süßes Tal. Ende September vorigen Jahres waren die Zuckerbestände in der Bundesrepublik um fast ein Fünftel niedriger als im Jahr davor. Sie betrugen knapp einen Monatsbedarf der deutschen Konsumenten: 175 000 Tonnen. In diesem Jahr werden sie zum genannten Stichtag vermutlich noch wesentlich dünner sein. Die „eiserne Reserve“ wird für Westdeutschland auf ungefähr 200 000 Tonnen veranschlagt. Die „Aktion Eichhörnchen“ droht zuckerkrank zu werden. Weit und breit sieht der Südzucker-Vorstand keine Anzeichen dafür, daß sich demnächst wieder „weiße Halden“ herauskristallisieren könnten.

Nun ist freilich das Großreinemachen in den Vorratskammern noch ganz jungen Datums. Der deutsche Zuckerberg ist jahrelang keine Fata Morgana gewesen. Erst die Exportsonne hat ihn dahingeschmolzen, die dank der europäischen Zuckermarktordnung auch in die Bundesrepublik ihre belebenden Strahlen warf. Der EWG-Zucker muß zwar wohl oder übel auf das viel bescheidenere Weltpreisniveau herabgeschleust werden. Und das kostet Geld. Aber dafür steht die Gießkanne des Agrarfonds bereit. Allerdings steuert auch die Zuckerwirtschaft ihr Scherflein dazu bei. Sie finanziert immerhin knapp die Hälfte der 1,2 Milliarden Mark, die zum Mißvergnügen der Entwicklungsländer die Ausfuhr der Überschußmengen kostete – so geschehen im ersten Jahr der Zuckermarktordnung, das am 30. Juni dieses Jahres ausläuft. Die deutschen Zuckererzeuger sind dabei mit rund 160 000 Tonnen mit von der Partie. Frankreich und Belgien sind traditionelle Zuckerausfuhrländer, nicht aber die Bundesrepublik – wenn man von wenigen gelegentlichen Seitensprüngen absieht. Insofern hat die Öffnung des Exportventils hierzulande den Überdruck der Vorräte tatsächlich entscheidend vermindert.

Das Brot der Agrarpolitik

Es war auch einmal umgekehrt: Die Zucker-Manager haben heute noch einen schalen Geschmack auf der Zunge, wenn sie zehn Jahre zurücksenden. Damals hatten die Importe beinahe ein Drittel des heimischen Zuckerbedarfs gedeckt. Von dieser Last hat Fidel Castros zornige Eigenbrötelei die deutsche Zuckerwirtschaft befreit. Wenn Dankbarkeit in diesem Falle keine anrüchige Tugend wäre, müßte noch im nachhinein die Zuckerindustrie dem bärtigen Kubaner ein Denkmal bauen. Seitdem die Zuckerinsel in der Karibischen See zum explosiven Pulverfaß auf der politischen Landkarte geworden ist, fabrizieren wir unsere Zuckerhüte selber.

Auch die Zuckerberge sind seitdem hausgemacht. Gibt es eine fette Ernte, dann ziehen die Erzeuger die Anbaubremse. Im anderen Falle lockern sie die Zügel. Auf diese Weise ist die Branche stets unterwegs vom Zuckerberg ins Tal oder vom Tal zum Zuckerberg – auch wenn sie ihn zeitweise völlig aus den Augen verliert. Dabei schlägt der reine Rübenwert mit jährlich weit über einer Milliarde Mark zu Buch. Allein von der Südzucker kassierten die Bauern 1967/1968 nahezu 300 Millionen. Zucker ist das Brot der Agrarpolitiker – und schuld an allem ist das Wetter. Mit Kapital lassen sich wohl die Zuckerfabriken automatisieren. Mit Kapital läßt sich aber nicht gut Wetter machen.

In Süddeutschland (und noch um etliches darüber hinaus) bedeutet Zucker zugleich Südzucker. Zehn Werke gehören zur engeren Südzucker-Familie. Mannheim am nächsten liegt das Werk Waghäusel, keine 40 Kilometer von der Zentrale entfernt. Über 400 Kilometer trennen die Verwaltung dagegen von ihrem niederbayerischen Werk Plattling. Vor dem Hintergrund eines EWG-Marktes, auf dem 180 Millionen Verbraucher von nicht weniger als 265 Zuckerfabriken und Raffinerien bedient werden, hat das süddeutsche „Konzentrat“ eine ungemein hohe Effizienz. Südzucker setzt mit annähernd 600 Millionen Mark mehr als sechsmal soviel um wie der größte norddeutsche Zuckerproduzent, die Zuckerfabrik Uelzen AG. Aber das ist nicht alles. Schließlich ist da noch die Südzucker-Verkauf GmbH, in der sich der Branchenführer vier kleinere Partner (darunter die mit Südzucker verwandte Zuckerfabrik Franken) angelacht hat, mit denen er bis weit nach Nordhessen hinein eine aktive Preispolitik betreibt. Potentielles Absatzvolumen der Verkaufsgemeinschaft: 700 000 Tonnen und damit mehr als ein Drittel des deutschen Zuckermarktes.

Kein Wunder, daß sich die Spekulation auf einen Preiszusammenbruch als Trugschluß erwiesen hat. Da durch den Übergang zur EWG-Zuckermarktordnung der gesetzlich zementierte Zuckerpreis mitsamt dem Frachtausgleich endlich weggefallen ist, hat sich die Konkurrenz zwar etwas gerührt. Frachtnähe ist Trumpf, ein verbrauchsorientierter Standort ist jetzt Gold wert.

Aber der Wettbewerb spielt sich hauptsächlich im Handel ab, in Warenhäusern, Supermärkten und den großen Lebensmittelbetrieben. Südzucker hat auf das Kilo-Paket S-Raffinade nach wie vor einen empfohlenen Richtpreis von 1,24 Mark gedruckt, auch wenn Sonderangebote in der Preisklasse von 95 bis 99 Pfennig an der Tagesordnung sind. „Alles nur Lockvögel“, kommentiert man bei Südzucker. „Wer unter 1,10 Mark verkauft, legt drauf.“ Die Fabrikabgabepreise sind also relativ stabil geblieben. Sie ziehen auch nicht an. Nicht nur vom Verbrauch, sondern auch von den Preisen her wird am Zuckerguß gekratzt. Bonbonverkäufer, Schokoladehersteller und Limonadeabfüller reagieren allergisch auf Preisveränderungen.

Dem Bundeskartellamt in Berlin kam der ausbleibende Wettbewerb auf dem Zuckermarkt nach der Aufhebung der Bewirtschaftung spanisch vor. Es hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, zumal nicht nur die Südzucker mit der Verkauf-GmbH verheiratet ist, sondern die Zuckerfabriken in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und in Westdeutschland sich zu Verkaufsgemeinschaften zusammengeschlossen haben. Sie alle weisen natürlich den Verdacht einer Kartellierung des Zuckerverkaufs weit von sich.

Chance zu überleben

Eine viertel Milliarde Mark hat Südzucker im letzten Jahrzehnt investiert. Noch einmal der gleiche Betrag soll jetzt in der halben Zeit in die Zuckerdose gesteckt werden. Südzucker muß das Kunststück fertigbringen, die modernste technische Apparatur für sich zu mobilisieren, ohne dabei die Kapazitäten auszuweiten. Deshalb sollen drei alte Südzucker-Fabriken in Stuttgart, Heilbronn und Züttlingen sterben, damit eine neue um so großzügiger und leistungsstärker aus dem Offenauer Boden gestampft werden kann. Kostenpunkt: Rund 100 Millionen Mark. Ausbau und Modernisierung des Werkes Waghäusel sind nur um die Hälfte billiger. Nur noch kapitalgewaltige Zuckererzeuger haben eine Überlebenschance.

Viele Südzucker-Aktionäre, die vor kurzem junge Aktien zum saftigen Ausgabekurs von 300 Prozent bezogen, haben den Mangel an börsengängiger Süßigkeit im süßen Geschäft bitter beklagt. Aber die Erfolge der mit Zuckerbrot und Peitsche gewürzten Geschäftspolitik stehen doch kristallklar im Bilanzschaufenster: Knapp die Hälfte der Bilanzsumme ist mit dem 1967/68 um ein Drittel angereicherten Eigenkapital gepolstert. Die verstärkten Investitionen wurden bis auf einen kleinen Rest aus Abschreibungen bestritten. Doch besser als langatmige Analysen illustriert eine einzige Zahl aus der Gewinn- und Verlustrechnung die Zuckerstärke: Erstmals hat Südzucker 1967/68 weniger als 5000 Mitarbeiter beschäftigt, vor zehn Jahren waren es noch 7898.

Die Südzucker-Verwaltung muß freilich aufpassen, daß sich die Eigenkapitalstruktur nicht noch mehr zugunsten der Rücklagen verschiebt. Manch einer könnte sonst Appetit auf einen gezuckerten Nachtisch bekommen, auch wenn sich der Großaktionär nicht viel aus Gratisaktien macht: Die Deutsche Bank hat eine Südzucker-Schachtel.

So weit haben es die Rübenbauern noch nicht gebracht. Sie sind schon seit Jahren hinter Südzucker-Aktien her und haben auch bei der jüngsten Kapitalerhöhung treu und brav ihr Bezugsrecht ausgeübt. Das Bauernpaket an Südzucker ist neuerdings auf 17 Prozent des Grundkapitals von 78 Millionen Mark angewachsen. Dieses Engagement ist keineswegs als stille Beteiligung gedacht. Die Rübenpflanzer pochen auf Mitbestimmung. Aber bis zur Sperrminorität ist es noch weit, und man weiß nicht so recht, ob die auf volkskapitalistischen Einfluß bedachten Bauern bei den Bankern unbedingt so gern gesehen sind.

Nichtsdestoweniger landete der Süddeutsche Zuckerrübenverband auf der letzten Südzucker-Hauptversammlung einen kleinen Coup, als er

  • Fortsetzung auf Seite 29