Der Sessel des Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaie wackelte Mitte der Woche noch immer. Ein in seiner Vorbereitung, Durchführung und Auswirkung umstrittenes Wiedergutmachungsverfahren hatte den Schwaben ins Gerede gebracht. Vergeblich bemühten sich die Koalitionspartner hinter den Kulissen, den „Fall Gerstenmaier“ zu bereinigen – notfalls durch einen Rücktritt des Präsidenten.

Doch die oppositionelle FDP spielte nicht mit. Sie verweigerte die Mitarbeit in einem „Drei-Männer-Gremium“, das nach Vorstellung von CDU und SPD die Vorwürfe klären soll. Die Bundestagsfraktion der Sozialdemokraten möchte gern Antwort auf vier Fragen haben:

  • ob die Wiedergutmachungszahlungen im Einklang mit den Gesetzen stehen – Gerstenmaier hatte für eine von den Nazis verweigerte außerordentliche Professur 281 000 Mark an Honoraren, und Ruhegeldern erhalten;
  • ob die relevante Novelle zu diesem Gesetz unter Einfluß des Bundestagspräsidenten zustandegekommen ist – Gerstenmaier hatte die Entschädigung schon einige Wochen vor Verabschiedung der als „Lex Gerstenmaier“ bekannten Novelle beantragt;
  • ob das Verfahren in regulärer Weise abgewickelt wurde – entgegen der sonst üblichen Wiedergutmachungspraxis brauchte der Bundestagspräsident zwischen Antragstellung und Bewilligungsbescheid nur zehn Monate zu warten;
  • ob die öffentlichen Erklärungen Gerstenmaiers zu seinem Wiedergutmachungsfall den Tatsachen entsprechen.

Der Bundestagspräsident hatte vorige Woche beispielsweise erklärt, er habe 1953 auf seine Bezüge als Oberkonsistorialrat der EKD verzichtet, ohne daß die Öffentlichkeit das gewürdigt! habe. Er vergaß freilich zu erwähnen, daß dieser Verzicht nur die Gehaltsbezüge betraf, nicht aber die Pension, die ihm die Kirche bewilligte. Dem „Spiegel“ wiederum rechnete er vor: Die Wiedergutmachungssumme sei gar nicht so hoch. 35 000 Mark müsse er der Kirche zurückzahlen, weil diese die Professorenpension ihren Ruhestandszahlungen anrechnen müsse.

So blieb der „Fall Gerstenmaier“ im Zwielicht. Der Bundesvorstand der FDP hatte bereits am Montag „bedauert, daß Bundestagspräsident Gerstenmaier nicht schön von sich aus durch seinen Rücktritt die erforderlichen Konsequenzen zieht“. Die Fraktionsvorstände der CDU/CSU und der SPD ließen am Dienstag in Gesprächen mit dem Bundestagspräsidenten durchblicken, daß ein Rücktritt möglicherweise unumgänglich werde. Doch Gerstenmaier glaubte noch immer an Gerstenmaier.