Der sowjetische Botschafter in Ostberlin, Pjotr Abrassimow, ist am Wochenende überraschend mit dem Regierenden Bürgermeister von Westberlin, Klaus Schütz, im Gästehaus des Senats zusammengetroffen. Der Diplomat warnte vor einer Einberufung der Bundesversammlung nach Westberlin. Außerdem soll über den Abschluß eines Handelsvertrages zwischen Moskau und Bonn unter Einbeziehung Westberlins gesprochen worden sein. Daran knüpften sich Spekulationen, die Sowjets seien zu einem Kompensationsgeschäft bereit.

Der Zeitpunkt für einen solchen Vorstoß schien günstig: Die Wahl des Bundespräsidenten soll erst am 5. März stattfinden. Die Wahl des neuen Bundestagspräsidenten jedoch, der den Tagungsort der Bundesversammlung bestimmen darf, könnte Bonn zu einer Oberprüfung seiner bisherigen Haltung veranlassen. Regierungssprecher Ahlers hatte das Stichwort gegeben: Der neue Bundestagspräsident habe das Recht, die Berlin-Entscheidung Gerstenmaiers zu überprüfen.

Das Moskauer Parteiorgan „Prawda“ zitierte Ahlers’ Äußerung ausführlich und warnte Bonn: „Der Langmut des sozialistischen Lagers währt nicht ewig!“

Derweil traf auf einer Musterschau sowjetischer Exportgüter in Westberlin Wirtschaftssenator König rein „zufällig“ mit dem sowjetischen Außenhandelsminister Patolitschew zusammen. Es folgte das Meeting Abrassimow-Schütz, das als Gegenbesuch des Botschafters für die Ostberliner Antrittsvisite des frischgebackenen Bürgermeisters im Januar 1968 gedeutet werden konnte. Einen Tag später sprach Schütz mit Angehörigen der sowjetischen Botschaft im Westberliner Europa-Center. Diesmal ließ die Begründung: „Privatbesuch“.