Nicht ganz zu Unrecht wird Feldmarschall Ayub Khan oft der „de Gaulle Asiens“ genannt. Beide haben ihren Völkern seit 1958 ein Jahrzehnt der Ruhe und Ordnung beschert, und die Parallelität zwischen ihren Redimes läßt sich bis in diese Tage fortführen, seit anhaltende Unruhen in beiden Ländern das gewohnte Bild der Stabilität entstellt haben. Da Ayub die politischen und sozialen Verhältnisse in Pakistan nicht nur stabilisiert, sondern auch fixiert hat, rufen die demonstrierenden Studenten, von denen bisher mindestens vierzig ums Leben gekommen sind, nach einer neuen „demokratischen“ Ordnung. Damit ist die sogenannte „Grunddemokratie“, auf die sich das Regime Ayubs gründete, ernsthaft in Frage gestellt. Während Sukarno „die gelenkte Demokratie“ als das für Indonesien geeignetste System empfahl, entstand unter Ayub in Pakistan die „Basic Democracy“, deren Ziel es ist, die Bevölkerung durch teils gewählte, teils ernannte Lokalverwaltungskörperschaften zur Demokratie zu erziehen. Die Mitglieder des Parlaments und der Staatspräsident in Pakistan werden nicht unmittelbar von der Bevölkerung, sondern von 80 000 Wahlmännern gewählt, die wiederum aus allgemeinen Wahlen hervorgehen.

In einem seiner Bücher („The Political Situation in Pakistan entlarvte der ehemalige Außenminister Ali Bhutto, einer der Gegenspieler Ayubs, die „Stabilität“ Pakistans als „einen Mythos“; Ayubs Politik sei „launenhaft und widerspruchsvoll“. Die Verhaftung dieses nationalistisch und sozialistisch orientierten „Volkspartei“-Führers, der ein Mordanschlag auf den Staatspräsidenten vorausgegangen war, verschlimmerte die ohnehin prekäre innenpolitische Situation. Neuerdings tritt ein zweiter, noch ernster zu nehmender Rivale öffentlich gegen „die Diktatur“ Ayubs auf: der Schöpfer der pakistanischen Luftwaffe, Fliegermarschall Asghar Khan. Es sieht so aus, als stehe das Regime Ayubs, wenn nicht am Ende, so doch am Anfang seines Endes.

Vor diesem Hintergrund und in der Vorschau auf die im September fällige Wahl der Elektoren, die dann im Januar 1970 den Präsidenten wählen müssen, ist eine Lektüre der folgenden Bücher von aktuellem Reiz:

Mohammad Ayub Khan: „Erinnerungen und Bekenntnisse. Eine politische Autobiographie“, aus dem Englischen von Hermann Thiemke; Horst Erdmann Verlag, Tübingen/Basel 1968; 385 S., 22,– DM.

Khalid B. Sayeed: „The Political System of Pakistan“; Houghton Mifflin, Boston 1967; 321 S., 2,95 Dollar.

Wer mit Erwartungen, die an der Brillanz der Memoiren de Gaulles, Churchills oder Nehrus geschult sind, an die Erinnerungen Ayubs herangeht, wird enttäuscht. Dies ist der nüchterne Rechenschaftsbericht eines Berufsoffiziers. Er schildert die Entwicklung seines politischen Programms seit der „Revolution von 1958“, als er inmitten des Kriegsrechtes, das infolge der immer wieder aufbrechenden Gegensätze zwischen Ost- und Westpakistan und des andauernden Parteienhaders erklärt worden war, die vollziehende Gewalt erhielt. Außenpolitisch sah er alsbald ein, daß die engen Beziehungen Pakistans zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika keineswegs den Konflikt mit Indien um Kaschmir lösen halfen. Ohne die Bindung an den Westen aufzugeben, pflegt Ayub Khan deshalb freundschaftliche Beziehungen zur Volksrepublik China und zur Sowjetunion. Über das Verhältnis zu Großbritannien und dem Commonwealth schreibt der Autor wenig. Im letzten Teil des Buches behandelt Ayub den Modernisierungsprozeß in Pakistan, wobei er sich als Volkserzieher sieht, der zwischen den traditionellen religiösen Gruppen („ulema“) und den westlich gebildeten Klassen steht.

Der in Kanada lehrende pakistanische Politologe Professor Sayeed steht dem Regime Ayub Khans kritisch gegenüber. Er meint, der Präsident sei vorab an der wirtschaftlichen Entwicklung interessiert und sich gar nicht der Notwendigkeit bewußt, ein politisches System zu entwickeln, das einen nationalen Consensus wahrt. Die Ausführungen in der Autobiographie Ayubs bestätigen diese Auffassung allerdings nicht. Sayeed räumt ein, daß Ayubs „Grunddemokratie“ bewirkt hat, die Bevölkerung zur öffentlichen Diskussion über politische Grundfragen anzuregen, doch behauptet er, die neue Verfassung von 1962 sei durch Erpressung dem Parlament abgenötigt worden.

Ein ausgezeichneter Bericht von Jean Wetz über die politische und soziale Landschaft im heutigen Pakistan findet sich in „Le Monde“ vom 9., 10., 12./13. und 14. Januar 1969: „Vent de fronde au Pakistan Sehr empfehlenswert ist das Buch von Karl Heinz Pfeffer: „Pakistan – Modell eines Entwicklungslandes“ (Leske Verlag, Opladen 1967).