Nun ist es wieder einmal so weit. Landauf, landab erschallt die Warnung vor der drohenden Überbeschäftigung, die unseren Konjunkturaufschwung zwangsläufig in die „Überhitzung“ münden lassen werde. Und wie bei Vorurteilen nicht anders zu erwarten steht; Sie werden nachgebetet, ohne daß irgend jemand sie auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft.

Zum Thema Überbeschäftigung: Wer sich informiert, kann unschwer feststellen, daß die auf den ersten Blick so einleuchtende These, der Arbeitsmarkt in der Bundesrepublik sei leergefegt, ganz einfach falsch ist. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Erlangen hat im Oktober in einer Studie nachgewiesen, daß noch knapp 600 000 Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Im einzelnen können etwa 70 000 der registrierten Arbeitslosen vermittelt, 200 000 früherin Deutschland tätige Gastarbeiter wieder angeworben und 300 000 Menschen dafür gewonnen werden, wieder ins Berufsleben zurückzukehren. Das Erlanger Institut: „Es gibt hinreichend Spielraum für ein rasches Wachstum der Wirtschaft im Jahr 1969.“

Dabei ist das sogar nur die halbe Wahrheit. Zusätzliche Arbeitskräfte können nicht nur von „außen“, sie können auch von „innen“ kommen – aus der Wirtschaft selbst. Die deutsche IBM erzeugt mit rund 7500 Mitarbeitern Güter im Wert von zwei Milliarden Mark, unsere Landwirtschaft braucht zur Erzeugung einer 15mal so großen Gütermenge (30 Milliarden Mark) etwa 340mal so viele Arbeitskräfte (2,6 Millionen). Natürlich können Bauern nicht einfach in Schnellkursen für die Laboratorien in Böblingen oder die Computerfabrik in Mainz umgeschult werden, aber dieses gewiß extreme Beispiel zeigt doch, wieviele stille Reserven durch eine zielbewußte Strukturpolitik mobilisiert werden können.

Strukturpolitik wird hierzulande jedoch fast immer nur in der falschen Richtung getrieben: statt expansive Bereiche zu fördern, werden schrumpfende konserviert. Dies gilt keineswegs nur für die Landwirtschaft. Was sind nicht alles für törichte Gesetze und Verordnungen ersonnen worden, um ganze Branchen zu schützen. Wenn das Nachtbackverbot aufgehoben würde, gäbe es bald viel mehr Brotfabriken (also weniger Bäcker), ohne das ebenso überflüssige Ladenschlußgesetz würde sich im Handel die Rationalisierung durch Strukturwandel noch rascher vollziehen. Leider wagt sich Karl Schiller an die Strukturpolitik nicht so recht heran. Aus dem großen Topf, der sich durch die Einnahmen aus der Exportsondersteuer füllt, Zuwendungen an „notleidende“ Branchen oder Regionen zu gewähren, ist noch keine „aktive Strukturpolitik“. Jetzt käme es darauf an, durch Kürzung von Subventionen und das Niederreißen von Schutzmauern den Wettbewerb zu verstärken. Der Minister wird doch nicht vergessen haben, was der Professor gelehrt hat: „Die Straße des Fortschritts ist mit Konkursen gepflastert.“

In Programmen bekennen sich alle Parteien längst zur „Mobilität der Arbeitskräfte“. Wenn aber irgendwo einmal ein Betrieb mit 500 oder gar 1000 Beschäftigten geschlossen werden soll, erheben die Politiker lautes Wehgeschrei – wenn in einer Branche aggressive Unternehmen auftreten, spricht man von „Vernichtungswettbewerb“. Und so heißt es dann: der „Produktionsfaktor Arbeit“ ist knapp. Nein, wir haben nicht zuwenig Arbeitskräfte – wir haben zu viele, die das Falsche tun. Diether Stolze