Schadenfreude ist wohl immer noch die reinste Freude. Mancher brave Abgeordnete hat dieses erhabene Gefühl beim Sturz des allzu selbstgefälligen „Professors re habil“ Eugen Gerstenmaier vom Thron des Parlamentspräsidenten sicherlich in vollen Zügen genossen.

Wie schön, wenn man dem Lauf der Gerechtigkeit nicht nur als passiver Zuschauer beiwohnt, sondern selber noch Gelegenheit hat, ihren Gang zu beschleunigen.

So gab denn mancher Parteifreund dem stolpernden Präsidenten noch einen kräftigen Tritt, und die Warnung der Familienministerin Anne Brauksiepe „wenn wir Eugen Gerstenmaier jetzt fallenlassen, dann fällt er tief“, begriffen viele wohl eher als Ansporn denn als Mahnung. Die Gelegenheit, dem Wähler auf dem Bonner Altar ein Schlachtopfer zu bringen, durfte nicht ungenutzt verstreichen.

Doch unter den hohen Priestern politischer Tugend war so mancher kleine Gerstenmaier. „Von jedem Mitglied des Hauses wird erwartet und muß verlangt werden, daß es sich bei den Entscheidungen, die ihm hier abverlangt werden, davon leiten läßt, daß es ein Vertreter des ganzen Volkes ist“, hatte der gefallene Präsident den Abgeordneten einmal feierlich zugerufen.

Daß er selber seine schönen Worte in einer schwachen Stunde vergaß und die eigene Sache mit allzuviel Eifer betrieb, wurde ihm zum Verhängnis. Aber Gerstenmaier ist gewiß nicht der einzige, der versucht hat, an Gesetzen zu feilen, die auch seine persönlichen Vermögensverhältnisse berührten.

Der härteste Vorwurf, den man Eugen Gerstenmaier machen kann, nämlich der Versuch, als Teilhaber an der gesetzgeberischen Macht den eigenen Vorteil nicht aus den Augen zu lassen, trifft nach meiner Meinung in mehr oder weniger harter Form auch viele derjenigen, die nun glauben, mit dem Finger auf ihn weisen zu können.

In diesem Bundestag gibt es durchaus noch andere Abgeordnete, die sich bei ihrer politischen Arbeit einseitig von den Interessen einer bestimmten Gruppe leiten lassen. In vielen Fällen profitieren sie auch ganz persönlich von den Gesetzen, die sie im Sinne eines Interessenverbandes zu beeinflussen versuchen.