Die junge Linke in der Wirtschaft

Von Christian Troebst

Was wird eigentlich aus unseren unruhigen Studenten und Fachschülern, wenn sie eines Tages das Examen gemacht haben und sich nun – mit oder ohne Bart – bei einem Betrieb oder bei einer Behörde bewerben?

„Ab heute“ – so jubilierte kürzlich eine japanische Tageszeitung in großen Lettern – „werden Tausende von rebellierenden Studenten ein Leben lang nur noch von ‚meiner Firma‘ sprechen.“ Was war geschehen? Das Semester war zu Ende gegangen und jene Tausende hatten als Wissenschaftler oder Forscher, als Techniker oder Ingenieure einen Job gefunden. Da man in Japan zwar den Arbeitsplatz, aber so gut wie nie die Firma wechselt, konnte die Zeitung zu Recht jene Feststellung treffen. Tut sich das patriarchalische Wirtschaftssystem Japans mit der aufsässigen Jugend leichter als wir? Werden wir einmal sagen: Japan – du hast es besser?

So viel steht jedenfalls fest, unsere technischen und wissenschaftlichen Nachwuchskräfte in der Wirtschaft werden nicht so schnell von „ihrer Firma“ sprechen und schon gar nicht lebenslänglich. Sie werden mobil bleiben und fluktuieren und sich dort sammeln, wo sie die interessanteste Arbeit und das meiste Geld vermuten.

Und sie werden auch nicht ohne weiteres jene Parolen aus dem Gedächtnis tilgen, mit denen sie noch kurz zuvor für Mitbestimmung und Selbstverwaltung an der Universität auf die Straße gegangen sind. Denn sie werden in Konstruktionsbüros oder Entwicklungsabteilungen kommen, in denen sie entweder überfordert oder aber, was fast noch öfter vorkommt, unterfordert sind. Vor allem werden sie sich an eine nirgendwo geschriebene, aber allgegenwärtige hierarchische Ordnung zu gewöhnen haben, die verglichen mit dem, was sie an der Universität erlebten, um einiges stabiler sein dürfte. Mit einem Wort, sie werden auf mancherlei Weise bestätigt finden, was sie bei Marcuse oder anderswo über „repressive Toleranz“ gelesen und gehört haben. Früher sagte man schlicht und einfach, Lehrjahre sind keine Herrenjahre, aber früher hatte man eben auch noch kein „gesellschaftliches Bewußtsein“.

Seltsamerweise hat es sich bis heute noch nicht in der Bundesrepublik herumgesprochen, daß der Arbeiter in der Industrie, zumal der Facharbeiter, einen höheren Stellenwert hat als der kleine oder mittlere Angestellte. Immer noch zählt außerhalb des Betriebes ein technischer Zeichner oder ein Buchhalter mit achthundert Mark Monatseinkommen mehr als ein Anreißer oder Rundschleifer, der seine zwölfhundert Mark heimbringt. Im Betrieb ist das anders.