Jedes Jahr San Remo: Festival für die Helden mit dem Rauschgold in der Kehle

Von Rino Sanders

Io ti amo, ti amo, ti amo“, sang sie mit vielfach vergrößerter Stimme. Sie schüttelte das dunkle, schulterlange Haar. Sie redete die Arme zuckend. Sie wechselte rhythmisch das Standbein bei eckig auskeilenden Hüften. Sie zog zärtlich das Mikrophon zu sich und schien es schlucken zu wollen wie eine psychedelische Pille. Sie wußte nicht, Was sie sang und tat. Das sah man. Und sie war elf Jahre alt.

Es sah rührend aus und obszön; denn sie war sich dessen sicher, was sie machte. Die Hifi-Technik war ihr in die Wiege gelegt. Sie sprang mit ihr um. Sie mischte ihre Stimme in die Musik, als sei das gar nichts. Sie intonierte sauber, soweit die hochgetrimmten Elektrolärmer dergleichen noch erkennen ließen. Und als sie fertig war, lächelte sie unterm Haarvorhang mit blassem Gesichtchen vom Podium und sagte: „Grazie, grazie.“ All das hatte sie vom Fernsehschirm abgeguckt. In dieser puerilen Ära gibt ihr die Television fast täglich Gelegenheit, Halbkinder, Halbwüchsige, Halbstarke und Berufsjugendliche gesanglich sich produzieren zu sehen: Schlager, Schlager, Schlager.

Und aus dem riesigen Rundsaal mit seinen 5000 in Reihen gefesselten Gartenstühlen kam ihr herzlich, wenn auch unverstärkt, der Beifall der manipulierten Mütter, Freundinnen und dienstfreien Verwandten entgegen. Sie war die letzte im Reigen der bis vierzehnjährigen Jungen und Mädchen, die an diesem Vorstadtnachmittag ihr Talent vorführten, Auslese schon aus vorhergegangenen Provinzwettbewerben. Alle hoffen sie, entdeckt zu werden, Nachschub für die enorm konsumierenden Märkte der Sangesseligkeit, träumen, auf golden tönenden Platten aufzusteigen ins Glück – kurz: Karriere zu machen gleich ihrem Idol. Und träumen sie’s nicht selbst, so doch die Mütter. Die Väter an ihren Arbeitsplätzen wissen wohl oft nicht einmal davon.

Lindgrüner Knallfrosch

Der landläufig gut aussehende Mann mit dem grauen Berufsteint oben auf dem Podium hatte sich aus seiner erstarrten Aufmerksamkeit gelöst. Er stieß sich von seinem Richterstuhl in der Ringecke ab und verabschiedete wohlwollend das Mädchen, um nun, schwarzer Entertaineranzug, künstliche Margerite im Knopfloch, jenes Idol anzukündigen, „dessentwegen ihr alle gekommen seid: Rita Pavone“.